[Rezension] “Shattered Crescent” von Svea Lundberg

Titel:Shattered Crescent: Die Risse seiner Seele
Autorin:Svea Lundberg
Veröffentlichung:Oktober 2020
Verlag:Selfpublishing

Klappentext | Shattered Crescent

Ein Blick und Thiago ahnt, dieses Pferd, das dort abseits der anderen steht und teilnahmslos vor sich hin starrt, ist innerlich ebenso zerbrochen, wie er selbst es einst war. Auf tiefe Weise berührt von dem ehemaligen Galopprennpferd, begibt Thiago sich gemeinsam mit seinem Bruder Cielo auf Spurensuche. Schließlich landet er in jenem Rennstall, in dem der Jockey arbeitet, unter dem Crescent sein letztes Rennen bestritten hat. Doch wie soll Thiago, für den Pferdesport an Tierquälerei grenzt, ausgerechnet von Sam Antworten erhalten, für den auf dem Rücken eines Galoppers zu sitzen den Inbegriff von Freiheit bedeutet?

In Sams Gegenwart muss Thiago erkennen, dass auch im Rennsport nicht alles nur schwarz und weiß ist. Und dass Sam weit mehr ist als ein empathieloser Trophäenjäger. Für seinen Traum vom Derbysieg arbeitet der Jockey hart. Härter vielleicht, als gut für ihn ist. Seine vierbeinigen Schützlinge verliert er dabei jedoch nicht aus dem Blick. Außer möglicherweise dann, wenn seine eigenen Qualen ihm den Blick verschleiern. Denn für seine Träume geht Sam weit über seine eigenen Grenzen hinaus…

Zwei Männer & ein Pferd

Als Samuel Shaw Shattered Crescent nur wenige Sekunden nach dem Start aus dem Rennen nimmt, weil er eine Unstimmigkeit in seinen Bewegungen wahrnimmt, riskiert er damit seine Karriere als Jockey. Als Thiago Haas-Pérez sich von seinem Zwillingsbruder dazu überreden lässt, sich im Namen einer Tierschutzorganisation undercover in einen Galopprennstall einzuschleusen, riskiert er eine Anzeige und damit seine berufliche Zukunft als Pädagoge. Aber er muss einfach herausfinden, was das ehemalige Rennpferd, das seit Kurzem im Stall seiner Mutter steht, zu dem körperlichen wie seelischen Wrack gemacht hat, das es ist: Shattered Crescent.

Shattered Crescent: Die Risse seiner Seele der deutschen Autorin Svea Lundberg, einem offenen Pseudonym von Julia Fränkle, ist mehr als eine simple Gay Romance. Angesiedelt im streitbaren Umfeld des deutschen Galopprennsports thematisiert der Roman den Leistungssport im Allgemeinen und Galopprennen im Besonderen von allen Seiten. Einander gegenüber stehen überzeugte Tierschützer und Jockeys aus Leidenschaft, zuschanden gerittene Tiere und verantwortungsvolle Pferdetrainer – und mitten drin: Thiago.

Aufgewachsen auf einem Gnadenhof für Tiere und geprägt vom nur teilweise legalen Engagement seines Zwillingsbruders im Tierschutzverein möchte sich Thiago ein eigenes Bild vom Rennsport machen. Als Pfleger schleust er sich für ein vermeintliches Praktikum in einen der renommiertesten Ställe Deutschlands ein, dem Hof Andreas Sicklers. Doch was ihn dort erwartet, scheint so gar nicht mit den Horrorgeschichten zusammenzupassen, die man überall über diesen Sport hört. Die Pferde wirken ausgeglichen und zufrieden, genießen geräumige Paddocks und regelmäßigen Koppelgang, ihrem Trainer liegt das Wohl seiner Tiere ernsthaft am Herzen und auch auf der Rennbahn zeigen diese sich aufgeregt-interessiert, aber keineswegs verstört, ebenso wenig unter Zwang oder gar unter Schmerzen stehend.

Ein Feld von sieben Pferden in vollem Galopp bei einem Pferderennen
Pferderennen – Bild von dreamtemp auf Pixabay

Shattered Crescent zeichnet ein sehr differenziertes Bild dieses umstrittenen Leistungssports. Der Roman verschweigt nicht die schlimmen Schicksale, die viele Galopper erwarten und deren sowieso schon extrem kurze Karrieren, wenn nicht gar ihr Leben, nicht selten gewaltvoll viel zu früh beenden, die tierquälerischen Trainingsmethoden mancher Trainer oder die Inkaufnahme schrecklicher Unfälle, völlig verblendet von den immensen Summen, die hinter jedem Tier und jedem Start eines Rennes stehen. Doch ebenso lenkt die Geschichte von Sam und Thiago den Blick der Lesenden auf die Perspektive verantwortungsvoller Pferdetrainer und Jockeys, denen es nicht nur um den Rausch der Geschwindigkeit und den eigenen Sieg, sondern in erster Linie um das Wohl der Tiere geht, die sie zu diesem Sieg tragen.

Sicherlich ist jeglicher Leistungssport, der sowohl wortwörtlich als auch im übertragenen Sinne auf dem Rücken von Tieren ausgetragen wird, allein schon aufgrund der in Kauf genommenen Verletzungsgefahr ganz grundlegend kritisch zu sehen. Schließlich können sich die Tiere im Gegensatz zu ihren menschlichen Kollegen nicht aktiv für oder gegen eine Sportlerkarriere entscheiden. Doch dies ist eine Grundsatzdiskussion, die in den allermeisten Fällen ins Nichts laufen wird, da diese Sportarten nunmal existieren und eine solch großartige Faszination auf ihre Anhänger ausüben. Und ebenso, wie es in jedem Sport schwarze Schafe gibt, so nehmen die meisten Sportler und Trainer die Sache nicht nur auf eine verantwortungsbewusste Weise ernst, sondern teilen auch eine große Liebe und Bewunderung für ihre tierischen Kollegen.

Eben diesen Konflikt und seine emotionalen Kontexte stellt Shattered Crescent in all seinen Facetten auf plastische Weise dar, indem der Roman ihn auf die Protagonisten projiziert. Thiago ist hin und her gerissen zwischen der radikalen Verurteilung seines ihm sehr nahe stehenden Zwillingsbruders und seiner Bewunderung und Liebe für den Jockey Sam. Jede Figur in diesem Roman versinnbildlicht eine Haltung gegenüber dem Galopprennsport, doch inmitten all der Argumente ist der Protagonist Thiago gezwungen, seine eigenen Vorurteile zu überdenken und Kompromisse einzugehen. Als er sich in den Jockey verliebt, spiegelt seine Gefühlswelt die Problematik auf einer emotionalen Ebene wider und lässt sie dadurch geradezu greifbar werden.

Neben Thiago stellt Samuel Shaw den zweiten Protagonisten in Shattered Crescent dar, zwischen welchen die intradiegetische Perspektive kontinuierlich wechselt. In der Figur Sams manifestiert sich nicht nur das Bild eines Jockeys, der Pferde über alles liebt und dem das Gefühl, auf einem solchen Tier über die Rennbahn zu preschen, ein Lebenselixier ist. In gewisser Weise stellt Sam auch das menschliche Pendant zum gebrochenen Ex-Rennpferd Shattered Crescent dar. So wird im Laufe der Erzählung schnell deutlich, dass der Jockey nicht nur selbst ein seelisches Wrack ist, sondern auch körperlich für den Sport weit über seine Grenzen geht. Doch Sams Probleme gehen über den reinen Gewichtswahn hinaus, dem sich ein jede*r Jockey berufsbedingt unterordnen muss. Die Gründe für seine Magersucht liegen tiefer, liegen in dem Hunger nach Macht – über sich selbst und damit auch über seine Existenz. Denn die gewaltsame Kontrolle über seinen eigenen Körper verleiht ihm das trügerische Gefühl, auch sein Leben als Ganzes im Griff zu haben…

Leistungssport, Essstörungen & das Tierwohl

Shattered Crescent besteht aus dem den Großteil des Romans einnehmenden Abschnitt «Shattered into pieces of fear» und dem abschließenden Teil «Healed with shivers of trust». In jenen ersten 27 Kapiteln konzentriert sich die Haupthandlung, in der Thiago unter falschen Vorwänden als Pfleger im Rennstall Sickler arbeitet und auf diese Weise dem Stalljockey Sam näher kommt. Im Kontext der Annäherung der beiden Protagonisten werden alle Charaktere des Romans sorgfältig aufgebaut, wobei sich die auf einem Täuschungsmanöver basierende Handlung schließlich in der unausweichlichen Offenbarung der Wahrheit und in der Konsequenz in einer emotionsgeladenen Konfrontation zwischen Sam und Thiago zuspitzt. Im zweiten Abschnitt, den letzten zehn Kapiteln, tritt die Rennbahnproblematik dann etwas in den Hintergrund, um Platz zu machen für die Liebesbeziehung zwischen den beiden Protagonisten und eine eingehendere Thematisierung von Sams Essstörung und psychischen Problemen. Im Gegensatz zu dem straffen und konfliktgeladenen ersten Teil erschien mir jener Zweite allerdings etwas abgeflacht, als hätte jemand die Luft aus dem Handlungsbogen heraus gelassen.

E-Book-Cover: "Shattered Crescent: Die Risse seiner Seele" von Svea Lundberg
E-Book: “Shattered Crescent”

Im Allgemeinen lese ich persönlich wenig Romanzen, da mir in derartigen Texten zumeist die Handlung und die Spannung fehlen. Trotz der Schwächen im Spannungsaufbau stellt Shattered Crescent hier eine positive Ausnahme dar, da die Beziehung zwischen Sam und Thiago in einen komplex ausgearbeiteten und aus fachlicher Perspektive interessanten Rahmen eingebettet ist. Pferdesport und Essstörungen werden als grundlegend wichtige Thematiken inmitten der authentischen Handlung um die homoerotische Liebesbeziehung kontrovers und differenziert betrachtet, womit der Text im Großen und Ganzen definitiv überzeugt. Als langjährige Pferdeliebhaberin, die sich selbst bereits ausführlich mit dem Galopprennsport auseinander gesetzt hat, kann ich überdies die hervorragende Recherche, die hinter diesem Roman steckt, nur bewundern.

Während sowohl der Charakteraufbau als auch die ausführliche Thematisierung des Galopprennsports mit all seinen Facetten in Shattered Crescent einen starken Rahmen bieten, enttäuscht der Roman in seinem stereotypischen und diesbezüglich nahezu gänzlich vorhersehbaren Handlungsverlauf. Dass keiner der zentralen (Wende-)Punkte des Romans für mich als Lesende auch nur annähernd überraschend kam, ich mir bisweilen insgeheim sogar dachte, «bitte lass es innovativ sein und nicht den üblichen Bogen nehmen…» – vergebens, drückt das allgemeine Lesevergnügen ein wenig. Die einzelnen Szenen allerdings überzeugen sowohl durch einen authentischen und plastischen Schreibstil als auch durch die Dynamik der Charaktere. Die große Stärke des Romans liegt zweifelsfrei in den Dialogen, den zweisamen Momenten und den erotischen Szenen zwischen Sam und Thiago.

Trotz der angesprochenen Kritikpunkte freue ich mich, eine glasklare Leseempfehlung für Shattered Crescent: Die Risse seiner Seele von Svea Lundberg aussprechen zu können – ebenso für Pferdefreunde wie für Lesende, die eine wunderbar geschriebene Gay Romance zu schätzen wissen.

Kurz & Bündig

PositivNegativ
SchreibstilFlüssig & anschaulich ★
SpannungVorhersehbare & stereotypische Wendungen/Verläufe ☆
CharaktereAuthentisch & stark ★
SettingRealistisch & greifbar ★
HandlungPackend, wichtige Themen ★

Bewertung: ★ ★ ★ ★ ☆

Shattered Crescent habe ich im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks erhalten.
Ich bedanke mich herzlich für die Zur­ver­fü­gung­stel­lung des Rezensionsexemplars.


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[Rezension] “The Guest List” von Lucy Foley

Titel:The Guest List
Autorin:Lucy Foley
Veröffentlichung:Februar 2020
Verlag:Harper Collins

Blurb | The Guest List

The bride ‧ The plus one ‧ The best man ‧ The wedding planner ‧ The bridesmaid ‧ The body

On an island off the coast of Ireland, guests gather to celebrate two people joining their lives together as one. The groom: handsome and charming, a rising television star. The bride: smart and ambitious, a magazine publisher. It’s a wedding for a magazine, or for a celebrity: the designer dress, the remote location, the luxe party favors, the boutique whiskey. The cell phone service may be spotty and the waves may be rough, but every detail has been expertly planned and will be expertly executed.

But perfection is for plans, and people are all too human. As the champagne is popped and the festivities begin, resentments and petty jealousies begin to mingle with the reminiscences and well wishes. The groomsmen begin the drinking game from their school days. The bridesmaid not-so-accidentally ruins her dress. The bride’s oldest (male) friend gives an uncomfortably caring toast.

And then someone turns up dead. Who didn’t wish the happy couple well? And perhaps more important, why?

Alle haben ein Geheimnis

Eine kleine, verlassene Insel im Atlantik. Eine extravagante Hochzeit. Ein undurchdringbares Unwetter. Ein Mord. The Guest List.

Jules betreibt ein eigenes und sehr erfolgreiches Lifestyle-Magazin, Will wurde als Star der vor allem bei Frauen beliebten Reality-TV-Serie Survive the Night berühmt. Die Braut weiß was sie will – und erreicht dies auch. Der Bräutigam ist es gewohnt, alles zu bekommen, was er will. Ihre gemeinsame Hochzeit feiern sie auf Inis an Amplóra, einer fiktiven, winzigen Insel vor der Küste Connemaras. Die Hochzeitsplanerin Aoife kaufte dort mit ihrem Mann, dem Koch Freddy, einen alten Gebäudekomplex, um ihn in eine denkwürdige Veranstaltungslocation zu verwandeln. Extravagant genug für die High Society, abgeschlagen genug, um sich den Paparazzos zu entziehen – der Prunkbau auf Inis an Amplóra ist die perfekte Kulisse für die Hochzeit der Trendsetterin Jules.

Die Handlung von Lucy Foleys The Guest List erstreckt sich im Kern lediglich über zwei Tage, wobei die eigentliche, gegenwärtige Erzählung immer wieder von Rückblicken aus der Sicht der einzelnen Charaktere unterbrochen wird. Die Erzählperspektive wechselt als sogenannte autodiegetische Erzählinstanz, also einem klassischen Ich-Erzähler, in sehr kurzen Kapiteln zwischen der Veranstalterin Aoife, der Braut Jules, deren jüngeren Halbschwester und Brautjungfer Olivia, der Ehefrau ihres Trauzeugen, Hannah, dem Bräutigam Will und dessen Trauzeugen Johnno. Diese sechs Perspektiven sind zugleich jene der möglichen Täter*innen – und des Opfers. Denn, wie sich im Verlauf der sich langsam entwickelnden Handlung herausstellt, hat jede*r von ihnen ihr*sein Päckchen zu tragen. Vor allem existiert zwischen allen von ihnen negativ belastete Verbindungen untereinander dementsprechend jeweils ein starkes und nachvollziehbares Motiv für die blutige Tat.

Zwischen jene autodiegetischen Kapitel, welche die zwei Tage von der Ankauft der ersten Gäste aus dem engeren Kreis bis zur Hochzeitsnacht erzählen, schieben sich außerdem mit zunehmender Häufigkeit Kapitel, die aus einer heterodiegetischen Perspektive erzählt sind, also aus der Sicht einer dritten, allwissenden und selbst nicht als Figur auftretenden Person. Jene Kapitel umfassen das eigentliche Hier und Jetzt, womit die – zugegebenermaßen sehr langgezogenen, aber sich nur über weniger als eine Stunde erstreckenden – Momente von der eigentlichen Tat bis zum Fund der Leiche gemeint sind. Die Handlung wechselt somit zwischen in ihrer Häufigkeit zunehmenden, heterodiegetischen Kapiteln, die mit «Now» überschrieben sind, und jenen Autodiegetischen, welche die Namen der jeweiligen erzählenden Figuren sowie einen Zusatz wie «The day before» oder «A few hours earlier» als Titel tragen.

The Guest List ist grundsätzlich aus jeder Erzählinstanz in der Gegenwart verfasst und wechselt in den innerhalb der Kapitel eingeschobenen, intradiegetischen Rückblicken natürlicherweise in die Vergangenheit. Dass sich jene Ich-Perspektive in den einzelnen Kapiteln nicht voneinander unterscheidet, macht es den Lesenden insbesondere zu Beginn nicht gerade einfach, die jeweiligen Charaktere auseinanderzuhalten und sich innerhalb der Figurenkonstellation zurechtzufinden. Dies relativiert sich jedoch im Laufe der Lektüre. Durch den Präsens als gewählte Zeitform der ersten Erzählebene verliert die Handlung zudem jede Distanz, sodass die Lesenden hautnah am Geschehen beteiligt sind. Der plötzliche Wechsel in das Präteritum in den innenfiktionalen Rückblicken liest sich fließend und stellt somit keinerlei Bruch dar – im Gegenteil dazu wirkt er natürlich.

Mit den zwei Tagen des Aufenthalts auf Inis an Amplóra ist die erzählte Zeit in The Guest List extrem kurz. Dies ermöglicht dem 380 Seiten starken Roman eine sehr langsame Handlungsentwicklung, was im Gegenzug jedoch viel Platz für die Charakterentwicklung übrig lässt. Während der Roman von seinen Lesenden im Großen und Ganzen positiv bewertet wird, finden sich auf einschlägigen Portalen auch einige durchwachsene Kritiken. Einer der am häufigsten genannten Kritikpunkte sind die «flachen Charaktere» – eine Meinung, die ich absolut nicht teilen kann.

Die Autorin steckt sehr viel Mühe und Zeit in den Charakteraufbau, sodass für jede*n der sechs Hauptfiguren eine komplexe Hintergrundgeschichte ans Licht tritt. Jeder trägt ihreseine eigenen Ängste und Sorgen, ihreseine Fehler und ihreseine Reue mit sich. Auf diese Weise werden die Figuren nicht nur sehr nahbar, sondern auch höchst realistisch und geradezu aus dem Leben gegriffen. Die negativen Kommentare bezüglich der Charakterentwicklung sind offenbar der Tatsache geschuldet, dass jene Figuren in der Konsequenz ihres ausführlichen und realitätsnahen Aufbaus allesamt nicht sonderlich sympathisch sind, was eine Identifikation erschwert – wobei ich persönlich mich hervorragend mit Hannah («The Plus One») und Olivia («The Bridesmaid») identifizieren konnte. Denn wer wird schon gerne mit der Nase voraus in ihre*seine eigenen, viel zu realistischen Probleme und zweifelhaften Charakterzüge gestoßen?

Alle haben ein Motiv

Ich habe The Guest List innerhalb von zwei Tagen verschlungen – genauso lange, wie die erzählte Zeit dauert. So langsam sich die Handlung auch aufbaut, so intensiv ist sie von den ersten Seiten an. Als Lesende wird man tief in die schrecklichen Geschehnisse und Erlebnisse der einzelnen Charaktere hineingezogen und kann deren Schmerzen und somit auch deren jeweilige Motive hervorragend nachvollziehen.

Im Vordergrund hält jemand "The Guest List" von Lucy Foley in die Kamera. Eine weiße Katze reibt ihre Nase am Buch. Im Hintergrund sieht man eine Wiese voller herblistlichem Laub.
Partnerlook: Luzifer und “The Guest List”

Ein ebenfalls häufiger Kritikpunkt ist die Vorhersehbarkeit der gesamten Handlung, sowohl in Bezug auf das Opfer, dessen Identität erst auf den letzten Seiten offenbart wird, als die Leiche schließlich gefunden wird, sowie auf die*den Täter*in. Tatsächlich wird zwischen den Zeilen relativ schnell klar, wer die Hochzeit nicht überleben wird. Was die*den Mörder*in angeht, so hat sich meine eigene, relativ frühzeitig aufgestellte Vermutung zwar letztendlich als korrekt herausgestellt, jedoch können alle Charaktere letzenderes ein ebenbürtigen Motiv aufweisen, weshalb ich in meiner Einschätzung besonders gegen Ende noch einmal verunsichert wurde.

Das Ende selbst dagegen hat mich nach diesem extrem aufwändigen und komplexen Charakteraufbau etwas enttäuscht. Es fühlt sich an, als würde aus einem zum Zerreißen angespannten Luftballon die Luft plötzlich einfach herausgelassen. Kaum sind Opfer und Täter*in in den insgesamt sehr nüchtern gehaltenen letzten Kapiteln enthüllt, ist der Roman auch schon vorbei. Während mich also die teilweise vorhersehbare Handlung vor dem Hintergrund der komplexen Charaktere und der extrem intensiven Atmosphäre weniger störte, so hinterlässt das abrupte Ende einen etwas schalen Nachgeschmack.

Trotzdem habe ich die Lektüre von The Guest List sehr genossen und die Handlung als gleichermaßen fesselnd und aufwühlend empfunden. Angesiedelt auf einer malerischen irischen Insel entfaltet sich die Tragödie inmitten einer wunderbar lebhaften Atmosphäre. Insofern gibt es von mir eine klare Leseempfehlung!

Kurz & Bündig

PositivNegativ
SchreibstilIntensiv & lebhaft ★
SpannungFesselnd ★Teilweise vorhersehbar ☆
CharaktereAuthentisch & tiefgründig ★
SettingSehr atmosphärisch ★
HandlungLangsam aufbauend ★Stumpfes Ende ☆

Bewertung: ★ ★ ★ ★ ☆

PS: The Guest List hat es übrigens auch auf diese Top Ten-Liste geschafft!


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[Rezension] “Elladur: Das Erwachen” von Angie Delazi

Titel:Elladur: Das Erwachen (Band 1)
Autorin:Angie Delazi
Veröffentlichung:Mai 2020
Verlag:Selfpublishing

Klappentext | Elladur: Das Erwachen

Liya, die jüngste Abgesandte des Königs von Namoor, erkennt schon bald, dass sich mit dem Auftauchen eines alten Pergamentes die Welt, die sie kennt, von Grund auf ändern wird. Ewan, ihr bester Freund und Hauptmann des Königs, hat es einem Schmuggler abgekauft. Verfasst in der alten Sprache enthält es Wissen aus dem untergegangenen magischen Reich Elladur. Wie jedes Jahr ist Liya ins Nachbarland gereist, um die Handelsverträge für ihren König neu zu verhandeln. Als Jadmar, der Fürst von Eryon, die Hochzeit seiner Tochter mit dem Prinzen des verfeindeten Dar’Angaar ankündigt, bedeutet dies nicht nur massive politische Umwälzungen, sondern vielleicht auch Krieg. Daraufhin schickt König Louis Liya nach Dar’Angaar, um die Lage auszuspionieren. In heiklen Missionen dieser Art ist sie auch deshalb erfolgreich, weil sie über die Gabe der Magie verfügt. Dies hält sie allerdings geheim. Zu Liyas Entsetzen entpuppt sich der Prinz als ihr ehemaliger Geliebter Haydn. Auch erkennt sie, dass eine weit größere Gefahr als ein Krieg droht. Grausame Kreaturen treiben ihr Unwesen. Das teilweise entschlüsselte Pergament weist auf eine Sternenkonstellation hin, die bald eintreten wird. Die Rede ist von Pforten in eine Welt hinter einem Band, wo ein dunkler König auf seine Rache wartet. Plant tatsächlich jemand, eine solche Pforte zu öffnen? Auch muss Liya sich ernsthaft fragen, ob die Drachen mehr als nur eine Legende sind und welche Rolle ihr bei all dem zukommt.

Wenn deine Welt aus den Fugen gerät

Der Tag wird zur Nacht, und die Nacht ist sein.
Er ist der Schatten, der auf deine Welt zeigt, und die ewige Dunkelheit, die bleibt.
Nichts wird mehr sicher sein, denn die Seele in dir ist sein.

Elladur: Das Erwachen, geheimnisvolle Prophezeiung

Elladur: Das Erwachen ist der Auftakt einer brandneuen Fantasy-Trilogie und zugleich Erstlingswerk der österreichischen Autorin Angie Delazi. Ganz im Stil klassischer High Fantasy entwirft der Roman eine völlig neue, fantastische Welt, in der sich über gut 600 Seiten hinweg ein komplexer Handlungsstrang entfaltet. Erst taucht eine geheimnisvolle Schriftrolle aus der «Alten Zeit» auf, dann verkündet der Fürst von Eryon ein Heiratsbündnis mit dem neugekrönten König von Dar’Angaar und stellt sich somit gegen seine Schutzmacht Namoor, denn Dar’Angaar und Namoor sind seit dem Großen Krieg vor einhundert Jahren verfeindet. Alls sei dies nicht schon genug, scheint außerdem das Band zwischen den Welten stärker zu werden, der gestaltlose Herrscher, die Finsternis, droht die Welt in Chaos zu stürzen und Liya muss sich inmitten politischer Machtkämpfe, Intrigen und Geheimnisse entscheiden – zwischen ihrem König, ihrem Land und ihrem Vermächtnis.

Die junge Protagonistin Liya, mit ihren bescheidenen 18 Jahren bereits Meisterspionin, exzellente Kämpferin und erste Abgesandte des Königs von Namoor, hütet ein dunkles Geheimnis: Sie besitzt die Gabe und kann somit Magie wirken. Nur, dass dies in ihrem Heimatland unter strenger Strafe steht und niemand davon erfahren darf. Auf ihren Reisen durch Namoor, Eryon und Dar’Angaar wird Liya jedoch immer öfter dazu gezwungen, ihre Fähigkeiten einzusetzen. Ihre Kraft wächst, aber mit ihr auch die Gefahren. Merkwürdige Vorkommnisse überziehen die Länder, schreckliche Überfälle geschehen, Geheimnisse kommen ans Licht, Gerüchte verbreiten sich und die Herrscher versuchen im Angesicht des drohenden Krieges verzweifelt, ihre Völker zusammenzuhalten und interne Konflikte zu ersticken. Liya begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit um das sagenumwobene Land Elladur, doch letztendlich entpuppt sich nichts als das, was es zu sein scheint.

Ein Fantasy-Epos mit Stärken und Schwächen

Buchcover: "Elladur: Das Erwachen" von Angie Delazi

Mit ihrem bildgewaltigen Schreibstil gelingt es der Autorin, ihren Figuren in Elladur: Das Erwachen sehr nahbare und authentische Charakterzüge zu verleihen. Mit der Ausnahme des – auch nach Abschluss der Lektüre dieses ersten Bandes geheimnisvoll bleibenden – Prologs lernen wir die Wellt um das längst vergangene Königreich Elladur aus der Perspektive Liyas kennen. Wir erleben ihre Ängste und Sorgen, ihre Leidenschaften, ihr Pflichtbewusstsein und ihre innere Zerrissenheit.

Aufgrund ihrer vielen Fähigkeiten und dem hohen Grad an Verantwortung, der ihr als erste Abgesandte vom König übertragen wird, wirkt Liya älter, als sie tatsächlich ist. Im Gegensatz dazu scheinen die meisten der anderen Figuren ihren gesellschaftlichen Stand zwar zu respektieren, sie insgeheim aber gewissermaßen als klassisch naive junge Frau zu empfinden. Die Protagonistin wird permanent zwischen diesen beiden Entwürfen ihrer selbst hin und her geworfen und ist sich der Ambivalenz auch selbst bewusst. Es macht sie aber nicht weniger authentisch, im Gegenteil: Indem wir als Lesende mit Liyas Blick die bizarre Dualität jener Momente der Pflicht neben jenen der Bevormundung erleben, erfahren wir auch, man möchte sagen am eigenen Leibe, ihre persönliche Zerrissenheit zwischen Selbstbewusstsein und Hilflosigkeit.

Der anschauliche Erzählstil bringt uns die Charaktere und die Welt mit ihren eng verschränkten politischen Strukturen auf plastische Weise näher. Der Handlungsverlauf von Elladur: Das Erwachen ist nicht nur dem Genre der High Fantasy entsprechend komplex, sondern folgt auch einem lehrbuchhaften Spannungsbogen, der den beachtlichen Umfang des Romans durchweg mit packenden Geschehnissen füllt.

Allerdings passiert zwischen jenen, zumeist recht spannungsgeladenen Passagen leider nur sehr wenig. Nicht selten vergehen viele Tage bis Wochen zwischen den einzelnen Kapiteln, in denen es offenbar absolut nichts Erzählenswertes zu berichten gibt. Auch die langen Reisen, auf denen sich die Protagonistin in dieser gewaltigen Fantasywelt immer wieder befindet, werden gänzlich ausgespart. Passieren wirklich nur in den Städten beziehungsweise an den wenigen benannten Orten und zu bestimmten Tageszeiten relevante Dinge? So wirken die einzelnen Szenen und Kapitel jedenfalls wie zerrissen und relativ stumpf aneinandergereiht. Sicherlich muss man sich bei einer Erzählung, die sich innerfiktional über mehrere Monate zieht, nicht jedem einzelnen Tag widmen. Jedoch bieten diese langen, ereignisleeren Zeiträume Gelegenheiten, um die vielen Figuren und die Gesellschaftsstrukturen näher darzustellen, was gerade am Beginn eines solch komplexen Fantasyepos wichtig wäre. Denn wie soll ich als Lesende die Handlungen und Entscheidungen eines Charakters in einer Ausnahmesituation beurteilen, wenn es keinen «Normalzustand» gibt, von dem sie sich abheben? Wie die Tragweite politischer Entscheidungen begreifen, wenn lediglich in einem unbedeutenden Nebensatz erwähnt wird, was «eigentlich» zu tun wäre?

Zu jenen Lücken im Handlungsverlauf von Elladur gesellen sich außerdem einige, potentiell sehr spannende Szenen, deren Potential schlichtweg nicht ausgeschöpft wird. Etwa wird mit einem Satz, wie «Im nächsten Moment sprang eine Kreatur aus der Dunkelheit und zerfleischte eines der Pferde vor dem Karren» (Kap. 25) so ziemlich jeder Versuch eines Spannungsaufbaus im Keim erstickt. Überhaupt sind Kampfszenen im Allgemeinen leider die große Schwäche des Romans. Im Gegensatz zu den gleichermaßen sprachlich geschickten wie handlungstechnisch starken Passagen, bei denen einzelne Figuren, zwischenmenschliche Interaktionen und gesellschaftliche Geschehnisse im Mittelpunkt stehen, wirken die – glücklicherweise nicht allzu häufigen – Kämpfe klobig, ungelenk sowie chaotisch und missen überdies jeglichen Nervenkitzel. Da hilft es auch nichts, dass sich der Puls der Protagonistin in nahezu jedem Kapitel mindestens ein Mal beschleunigt und zu rasen beginnt…

Gelungener Auftakt mit Potential

Trotz aller Kritik ist Elladur: Das Erwachen ein fesselnder Auftakt eines faszinierenden und innovativen Fantasy-Epos. Minuspunkte gibt es für den leider nur bedingt flüssigen Handlungsfortschritt sowie die verwirrenden und wenig realistischen Kampfszenen. Als Lesende, die sowohl mit Techniken des Schwertkampfes als auch mit dem Umgang mit Pferden vertraut ist, stellte es mir bei manchen diesbezüglichen Passagen die Nackenhaare auf. Hier wäre eine eingehendere Recherche seitens der Autorin angebracht, um den entsprechenden Szenen mehr Lebensnähe und Authentizität zu verleihen.

Nichtsdestotrotz sind die angesprochenen Kritikpunkte überwiegend im Detailbereich angesiedelt. Über weite Strecken, insbesondere die weniger kampflastige erste Hälfte sowie das Finale, konnte mich der Roman begeistern und ich mochte ihn kaum aus der Hand legen. Dies ist für einen selbstpublizierten Debütroman durchaus eine beachtliche Leistung. Die zahlreichen Figuren sind charakterstark und die fantastische, überaus komplexe Welt – ich sage es gerne ein weiters Mal – ist wunderbar anschaulich und farbenfroh gestaltet.

In diesem Sinne möchte ich trotz der erläuterten Kritik eine Leseempfehlung aussprechen. Elladur: Das Erwachen schafft es, einen unmittelbar hineinzuziehen in die Intrigen und Machenschaften zwischen Namoor, Eryon und Dar’Angaar. Der Trilogieauftakt macht große Lust darauf, zu erfahren, wie es mit Liya und ihren Freunden (und Feinden) weitergeht. Ich freue mich auf jeden Fall schon sehr auf den nächsten Teil und bin davon überzeugt, dass sich Angie Delazis Texte mit jeder Veröffentlichung noch verbessern werden.

Denn in Elladur schlummert großes Potential! Überzeugt euch selbst:

Elladur – das Erwachen

Kurz & Bündig

PositivNegativ
SchreibstilAnschaulich & packend ★Sprachliche Ungenauigkeiten, klobige Kampfszenen ☆
SpannungStreckenweise intensiv ★Einige Längen, nicht ausgeschöpftes Spannungspotential einzelner Szenen ☆
CharaktereAuthentisch & zahlreich ★
SettingDetailreich & fantasievoll ★
HandlungSehr komplex ★Teilweise abgehackt & fragmentarisch ☆

Bewertung: ★ ★ ★ ☆ ☆

Ich bedanke mich herzlich für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars.


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[Aktion] Top Ten Thursday | Halloween Special

Logo: Top Ten Thursday

Beim Top Ten Thursday von Aleshanee (Weltenwanderer) geht es darum, jeden Donnerstag eine Liste aus zehn Titeln zu einem bestimmten, vorgegebenen Thema zusammenzustellen. Das heutige Thema ist ein Halloween Special und besteht aus zehn einzelnen Aufgaben.

Auch heute war es nicht immer einfach, aber nun bin ich bereit. Ich präsentiere Euch zehn Werke aus meinem Bücherregal zum Thema

Halloween

(im weitesten Sinne)!

Top Ten

1. Ein Buch mit einem gruseligen Cover

Dan Brown: Illuminati

Tatsächlich musste ich feststellen, dass erstaunlich wenige meiner Bücher ein wirklich gruseliges Cover haben. Letztendlich fiel meine Wahl auf den Klassiker Illuminati (Angels & Demons) von Dan Brown. Der hervorragend recherchierte Thriller ist das erste Abenteuer des brillanten, aber auch sehr nahbaren Kunstgeschichteprofessors und Symbolologen Robert Langdon. Von der ersten Seite an packt einen die intensive Spannung um die rätselhaften Morde, inmitten derer sich der Protagonist zwischen historischen Symbolen und modernster Physik wiederfindet.

2. Ein Buch, in dem ein Mord geschieht

Markus Heitz: Die Meisterin. Der Beginn

An Büchern, in denen fleißig gemordet wird, besteht in meinem Regal kein Mangel. Erst Anfang dieses Jahres veröffentlichte der deutsche Fantasyautor Markus Heitz mit Die Meisterin: Der Beginn den ersten Teil seiner neuen, spannungsgeladenen Reihe, die von der uralten Familienfehde zweier Henker-Dynastien handelt. Die brutale Hinrichtung ihres Bruders im Hinterhof eines Londoner Pubs und Unruhen unter den Wesen der Nacht kündigen eine Bedrohung an, die schließlich sogar die neutrale Heilerin Geneve dazu zwingen, sich auf eine Seite zu schlagen und den Spuren der Mörder zu folgen.

3. Ein Buch mit einer unheimlichen Atmosphäre

Isabel Abedi: Whisper

Es ist sehr, sehr lange her, dass ich den Jugendroman Whisper von Isabel Abedi gelesen habe. Am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben ist mir die mysteriöse und unheimliche Atmosphäre, welche die Erzählung sehr intensiv aufbaut. Die Protagonistin muss ihre Ferien mit ihrer Mutter und einem Freund in einem uralten Haus verbringen. Doch was ursprünglich als Strafe gedacht war, entwickelt sich zu einer geheimnisvollen Suche nach den Geschehnissen um einen nie geklärten Mord und dessen ruhelosem Opfer.

4. Ein Buch, das an Halloween spielt oder Halloween vorkommt

Stephen King: Friedhof der Kuscheltiere

Der vielgefeierte Horrorklassiker Friedhof der Kuscheltiere (Pet Sematary) von Stephen King ist der einzige Titel dieser Liste, den ich selbst nie gelesen habe – obwohl ich ihn schon vor Jahren geschenkt bekommen habe. Immerhin ist mir bekannt, dass ein Teil der Geschehnisse dieses schwerverdaulichen Gruselromans an Halloween spielt.

5. Ein Buch, das du vor Spannung nicht aus der Hand legen konntest

Suzanne Collins: The Hunger Games

Ebenfalls sehr erfolgreich verfilmt wurde Suzanne Collins’ The Hunger Games (Die Tribute von Panem). Im Auftakt der dystopischen Trilogie muss sich die Protagonistin Katniss gemeinsam mit 23 anderen Jugendlichen durch die barbarischen Hungerspiele schlagen, bei denen es um Leben und Tod geht. Nur eine oder einer kann als Sieger*in hervorgehen – und das allein zum Amüsement der gesellschaftlichen Oberschicht des diktatorischen Zukunftsstaates. Die spannungsgeladene Geschichte ist so grandios erzählt und zugleich so flüssig zu lesen, dass man sie so schnell sicherlich nicht mehr aus der Hand legen kann.

6. Ein Buch aus dem Horror Genre

Mary Shelley: Frankenstein; or, The Modern Prometheus

Beim Horror-Genre habe ich mich für einen absoluten Klassiker entschieden: Mary Wollstonecraft Shelleys Frankenstein; or, The Modern Prometheus (Frankenstein oder Der moderne Prometheus). Geschrieben im Jahr 1818 ist dieser Schauerroman um einen ambitionierten Wissenschaftler und seine erschaffene Kreatur aktuell wie eh und je. Denn die aufgeworfenen Fragen, wie weit Wissenschaft gehen darf und ob sich der Mensch aus ethischen Gründen überhaupt anmaßen darf, Leben zu erschaffen, werden heute genauso gestellt wie im forschungsbegeisterten Zeitalter des 19. Jahrhunderts. Nicht umsonst wird Frankenstein häufig als der erste moderne Science-Fiction-Roman bezeichnet.

7. Ein Buch, das du grauenvoll fandest

Stephenie Meyer: New Moon

Ich habe mich entschieden, das «grauenvoll» im Sinne von negativ-erschreckend zu interpretieren. Denn bei diesem Wort kommt mir sofort der zweite Roman der Twilight-Serie in den Sinn, New Moon (Biss zur Mittagsstunde) von Stephenie Meyer. Damals, als ich 14 und die Reihe neu war, habe ich sie selbstverständlich genauso verschlungen, wie alle anderen Mädchen in meinem Alter. Aus einer heutigen Perspektive ist mir allerdings bewusst, dass das in dieser Buchreihe und insbesondere in diesem zweiten Band repräsentierte Konzept von Liebe und Beziehung auf einem solch hohen Level toxisch und gefährlich ist, dass ich es einfach nur noch grauenvoll finden kann.

8. Ein Buch mit Vampiren oder sonstigen Geschöpfen der Nacht

Markus Heitz: Die Kinder des Judas

Im Kontrast zu Meyers romantisierten und dem Horrorgenre entrissenen Vampirkonzept möchte ich an dieser Stelle einen Vampirroman vorstellen, der mich beim Lesen gleichermaßen fesseln, schockieren und faszinieren konnte. In Die Kinder des Judas von Markus Heitz lernen wir viele unterschiedliche Geschöpfe der Nacht kennen, doch die gefährlichsten sind jene, die auf den ersten Blick am menschlichsten wirken. Die Erzählung ist mit einigen ins Gore gehenden Schilderungen sicherlich nichts für schwache Nerven – aber auf eine gute Art und Weise.

9. Ein Buch, das dir Gänsehaut beschert hat (auf welche Art auch immer)

Margaret Atwood: The Handmaid's Tale

Margaret Atwoods schockierende Dystopie The Handmaid’s Tale (Der Report der Magd) hat mir mehr als nur Gänsehaut beschert. Mit ihrem eindrücklichen Erzählstil schafft es die kanadische Meisterin des Wortes immer wieder, ihre Lesenden unmittelbar in die Geschichte hineinzuziehen. Öfter als mir lieb war musste ich den Roman beiseite legen und ein paar Mal tief durchatmen, bevor ich überhaupt in der Lage war, weiterzulesen. Die Handlung – gleichermaßen schrecklich wie fesselnd – zeigt anschaulich auf, wie sich unsere Gesellschaft in nur wenigen Schritten in einen religiös-autokratischen Albtraum verwandeln kann.

10. Ein Buch mit einem richtig fiesen, bösen Charakter

Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Offenbarung

Ich möchte diese Liste mit einem humorvollen Titel abschließen. Lange stand ich vor meinem Regal und musste schließlich feststellen, dass kaum ein Roman einen wirklich fiesen, absolut bösen Charakter vorweisen kann. Doch dann fiel mein Blick auf Marc-Uwe Klings Känguru-Offenbarung, den dritten Teil der erfolgreichen Känguru-Chroniken. Auf satirische Art und Weise stellt der Pinguin als Gegenspieler des Kängurus dort nämlich den absoluten Antagonisten, ja, das personifizierte Böse dar – zumindest aus der Perspektive des kommunistischen Kängurus. Klings Gesellschafts- und Politsatire sorgt vor lauter Lachkrämpfen gerne mal für Bauchschmerzen. Hervorragende Unterhaltung ist garantiert!

Ich bedanke mich für die tolle Inspiration!

PS: Alle unsere Beiträge zum Top Ten Thursday findet Ihr hier.


Neueste Beiträge

[Review] Enola Holmes | Netflix

Titel:Enola Holmes
Publisher:Netflix
Regie:Harry Bradbeer
Produktion:Mary Parent, Alex Garcia, Ali Mendes,
Millie Bobby Brown, Paige Brown
Erstveröffentlichung:23. September 2020
Länge:123 Minuten

Enola Holmes | Offizieller Trailer

Enola Holmes | Offizieller Trailer | Netflix

Enola auf sich allein gestellt – oder nicht?

Eine kecke, junge Frau in einem einfachen, blauen Kleid dirigiert ihr Fahrrad sichtlich mühsam über einen holprigen Feldweg und redet dabei ungeniert direkt mit den Zuschauenden. Sie stellt sich als Enola vor, fasst kurz die Geschehnisse der vergangenen Jahre und Wochen zusammen, lässt sich von einem kleinen Sturz auf einem blättergepolsterten Waldweg nicht beirren und erläutert schließlich, wie es dazu kam, dass sie sich nun in ebendiesem Moment auf dem Weg zum Bahnhof befindet, um ihre beiden älteren Brüder Mycroft und Sherlock abzuholen – ja genau, den Sherlock Holmes. Bereits diese ersten Szenen zeugen von einer spielerischen Leichtigkeit, die den gesamten Film Enola Holmes auszeichnet.

Diese Frische verdanken wir nicht zuletzt der Hauptdarstellerin Millie Bobby Brown, die der Rolle der Enola Holmes einen wunderbar authentischen und liebenswerten Charakter verleiht. Ihr gegenüber stehen ihre beiden älteren Brüder, der konservative Mycroft (Sam Claflin, unter anderem bekannt als Finnick Odair in The Hunger Games) und der berühmte, egozentrische Detektiv Sherlock (Henry Cavill, Superman in den DC Extended Universe-Filmen und ein großartiger Geralt of Rivia in Netflix’ The Witcher).

"Enola" gelegt mit Scrabble-Buchstaben

Nachdem Eudora, die Mutter der Holmes-Geschwister, verkörpert durch Helena Bonham Carter, an Enolas 16. Geburtstag scheinbar spurlos verschwindet, kontaktiert die junge Frau ihre beiden Brüder in London und bittet sie um Hilfe. Doch alles, was sie damit erreicht, ist, dass ihr neuer Vormund Mycroft sie auf ein Mädchenpensionat schicken will, um ihre gesellschaftsfähige Erziehung sicherzustellen, während der von ihr stets bewunderte Sherlock mehr an dem Mysterium um die verschwundene Eudora an sich interessiert ist, als an seiner kleinen Schwester.

Enolas Ausweg? Sie reißt kurzerhand aus. Und zwar nach London, wo sie sich, plötzlich ganz auf sich allein gestellt, zugegebenermaßen hervorragend zurechtfindet. Ihre Mutter unterrichtete sie schließlich jahrelang nicht nur in verschiedenen Sportarten und Kampfkünsten, sondern auch darin, ihre Umgebung genauestens zu beobachten, daraus zu schlussfolgern und schließlich – das wichtigste! – zu lernen. Auf ihrem Abenteuer trifft sie auf den ebenfalls von Zuhause ausgebrochenen Lord Viscount Tewksbury, einen jungen Adeligen, dem ein Auftragsmörder auf den Fersen ist. So macht sich Enola Holmes in London nicht nur auf die Suche nach ihrer Mutter, die ebenfalls ihr ganz eigenes, berechnendes Spiel zu spielen scheint, sondern löst ganz nebenbei auch das Rätsel um das Tweksbury’sche Familiendrama.

Zwischen Familiendrama & Feminismus

Sieht man sich die Bewertungen von Enola Holmes auf Metacritic.com an, so wird schnell klar, dass der Film von kritischen Medien überwiegend positiv aufgenommen wurde, während die Nutzerbewertungen eher durchwachsen sind. Ein Blick auf jene Kommentare lässt allerdings unschwer ein trauriges Muster erkennen: Je mehr sich die bewertende Person ganz individuell an dem im Film repräsentierten Feminismus stört, desto schlechter die Wertung.

"Alone" gelegt mit Scrabble-Buchstaben

Tatsächlich dreht sich der gesamte Film um die Kritik am herrschenden Patriarchat sowie um die weibliche Selbstermächtigung. Den Tod ihres Ehemannes und schließlich den Auszug ihrer erwachsenen Söhne nahm Eudora Holmes etwa zum Anlass, jedwedes patriarchales Gedankengut aus ihrem Hause zu verbannen und ihre Tochter in einem freiheitlichen Umfeld aufwachsen zu lassen, das nur dazu einlädt, erkundet zu werden. Während sich herausstellt, dass Eudora offenbar gar Teil einer sowohl radikalen, als auch regierungsfeindlichen Frauenbewegung ist, muss sich die von ihrer Mutter stets unkonventionell und liberal erzogene Enola nicht nur den konservativen Erwartungen ihres Bruders entgegenstellen, der alle gesellschaftlich-patriarchalen Zwänge verkörpert, sondern jene auch am eigenen Leib erfahren. Nicht selten greift sie bei ihren Plänen außerdem auf eine Verkleidung als Mann zurück, um ihren Zielen einen Schritt näher zu kommen.

Mycroft und vor allem der für seine gewaltigen Fähigkeiten der Deduktion berühmte Sherlock Holmes, aber auch alle anderen männlichen Figuren verblassen neben der jungen Frau zu einer erfrischenden Unfähigkeit, wobei insbesondere der gefeierte Privatdetektiv stets einen Schritt hinter seiner gewieften Schwerster her hinkt. Einzig der Adelssohn Viscount Tewksbury – ausgerechnet! – scheint die wahren Kraftverhältnisse zwischen den Geschlechtern begriffen zu haben und sich in seiner männlichen Rolle neben der emanzipierten Frau vollkommen wohl zu fühlen. Sein von einem Augenzwinkern begleiteter Catchphrase macht ihn nicht nur zu einem sympathischen Charakter, sondern zeugt ebenfalls von seiner Anerkennung des Weiblichen als mindestens ebenbürtig:

I’m not entirely an idiot.

«Ich bin nämlich nicht nur ein Idiot.»

Eine kurzweilige Holmes-Adaption

"Enola Holmes" gelegt mit Scrabble-Buchstaben

Leider kenne ich persönlich die Buchreihe von Nancy Springer nicht, auf der die Romanverfilmung Enola Holmes basiert, bin aber ein großer Fan der Erzählungen Arthur Conan Doyles sowie vieler Adaptionen des Franchises. Ohne auf das Hintergrundwissen der Romanvorlage zurückgreifen zu können, gefällt mir der Film jedoch außerordentlich gut. Genau genommen waren meine Erwartungen deutlich niedriger angesiedelt und wurden – nicht zuletzt dank der hochkarätigen Besetzung – deutlich übertroffen.

Die Handlung von Enola Holmes mag bisweilen etwas konfus wirken, da der Plot nach etwa den ersten 30 Minuten permanent zwischen dem Mysterium um die verschollene Mutter und dem Rätsel um Lord Viscount Tewksburys mörderischen Verfolger umher pendelt. Dennoch handelt es sich zwar um zwei ineinander verflochtene, aber jeweils in sich geschlossene Handlungsbögen, die der Erzählung einen soliden Rahmen bieten. Eine gewisse Spannung wird im Sinne einer Mystery-Geschichte zwar aufgebaut, aber die jeweiligen Auflösungen sind doch relativ vorhersehbar. Dies tut dem kurzweiligen Filmspaß allerdings keinen Abbruch, da die sympathischen Charaktere und die, wenngleich streckenweise etwas platte, aber nichtsdestotrotz vorhandene und überdies humorvoll aufgezogene Thematisierung feministischer Bewegungen sowie der weiblichen Emanzipation jeweils ihren Teil zur Unterhaltung beitragen.

Im Großen und Ganzen handelt es sich bei Enola Holmes um leicht-lockerflockige Filmkost, von der man nicht allzu viel Tiefgründigkeit erwarten darf. Zwei Stunden lang vermag es die Protagonistin, die Zuschauenden spielend leicht für sich und ihre Ziele zu gewinnen, was unter anderem dem unkonventionellen Erzählstil zu verdanken ist. Enola spricht nämlich über den gesamten Film hinweg immer wieder unmittelbar mit den Zuschauenden, durchbricht also die aus dem Theater bekannte «vierte Wand». Indem sie auf diese Weise nicht nur ihre aktuellen Pläne und Gedanken erläutert, sondern auch direkte Fragen stellt oder hinter dem Rücken anderer Charaktere einen augenrollenden Blick unmittelbar in die Kamera wirft, bindet sie die Rezipierenden aktiv in die Handlung ein und macht sie so gewissermaßen zu ihren Verbündeten.

Ich kann Enola Holmes auf jeden Fall wärmstens empfehlen. Kurzweilige Unterhaltung, sympathische Charaktere und ein kniffliges Rätsel – braucht ein gelungener Filmabend denn noch mehr?

Kurz & Bündig

PositivNegativ
ErzählstilLocker & unkonventionell ★
SpannungSituationsbedingt vorhanden ★Langfristig vorhersehbar ☆
CharaktereSympathisch & authentisch ★
SettingÜberzeugendes viktorianisches England ★
HandlungUnterhaltsam, feministisch angehaucht ★Bisweilen etwas konfus ☆

Bewertung: ★ ★ ★ ★ ☆


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[Aktion] Top Ten Thursday | Ältere Semester

Mit diesem Beitrag möchte ich bei einer Blogger-Aktion teilnehmen.

Logo: Top Ten Thursday

Und zwar hat es mir der Top Ten Thursday von Aleshanee (Weltenwanderer) angetan – ich beobachte die Aktion schon seit einer Weile. Jede Woche kommen dabei so viele wundervolle Buchvorschläge zusammen…

Beim Top Ten Thursday geht es darum, jeden Donnerstag eine Liste aus zehn Titeln zu einem bestimmten, vorgegebenen Thema zusammenzustellen.

Die heutige Aufgabe lautet:

10 Bücher, in denen ältere Menschen / Senioren die Hauptrolle spielen

Zugegeben – bei dieser Aufgabe stand ich lange Zeit grübelnd vor meinem Bücherregal und musste bei dem ein oder anderen Beispiel die Definition von «älteren Menschen» auch etwas lockerer nehmen. Aber ich habe es letztendlich geschafft

Ich präsentiere hiermit zehn Bücher aus meiner persönlichen Sammlung, in denen ältere Menschen oder Senioren die Hauptrolle spielen!

Top Ten

1) Cloud Atlas (Der Wolkenatlas) von David Mitchell

Spätestens seit der grandiosen Verfilmung ist David Mitchells Cloud Atlas in aller Munde. Der 2004 veröffentlichte Roman verknüpft auf kreativste Art und Weise nicht nur sechs völlig unterschiedliche Erzählungen, die überdies in verschiedenen Zeiten spielen, von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in eine dystopische Zukunft, sondern bedient sich dabei auch sechs völlig unterschiedlicher Literaturgattungen und Erzählstile, vom Tagebuch über den Kriminalroman bis hin zur actiongeladenen Science-Fiction. Zumindest bei zwei der Protagonisten, dem erfolglosen Verleger Timothy Cavendish aus der Gegenwart und dem Ziegenhirten Zachary aus einer apokalyptischen Zukunft, handelt es sich zweifelsfrei um Senioren.

Buchcover: "Cloud Atlas" von David Mitchell & "Marianengraben" von Jasmin Schreiber
“Cloud Atlas” & “Marianengraben”

2) Marianengraben von Jasmin Schreiber

Der Debüt-Roman der erfolgreichen Bloggerin Jasmin Schreiber erschien Ende Februar dieses Jahres zu einem wirtschaftlich gesehen denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Dennoch stieg das Werk direkt auf Platz 13 der Spiegel-Bestsellerliste ein. Auf faszinierend humorvolle Weise thematisiert Marianengraben Verlust und Depression, ohne diese schwerwiegenden Themen dabei auf die leichte Schulter zu nehmen oder ihren Ernst herunterzuspielen. Wir begleiten die mittzwanzigjährige Paula und den schrulligen Rentner Helmut auf einem Roadtrip, der skurriler nicht sein könnte – und dabei gleichzeitig unmittelbar aus dem Leben gegriffen wirkt.

3) Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten von Daniel Kehlmann

Das 2009 erschienene Werk Ruhm kann man nicht wirklich einen Roman nennen, denn es vereint ganze neun unterschiedliche Erzähltstränge miteinander. Der Stil erinnert ein wenig an Mitchells Cloud Atlas, ist mit seinen neun Kapiteln auf lediglich 200 Seiten aber deutlich weniger komplex. Alle Abschnitte spielen zudem in einer Version der Gegenwart und sind auf mehreren metatextuellen Ebenen miteinander verschränkt. Die Protagonistin des dritten Kapitels, Rosalie, eine krebskranke Seniorin, begibt sich auf die Reise zu einem Sterbehilfeverein in der Schweiz. Als Romanfigur versucht sie dabei jedoch, ihren Autor, ebenfalls ein Protagonist des Romans, davon zu überzeugen, sie weiterleben zu lassen. Ob ihr das gelingt?

Buchcover: "Ruhm" von Daniel Kehlmann und "Johan Holtrop" von Reinald Goetz
“Ruhm” & “Johann Holtrop”

4) Johann Holtrop: Abriss der Gesellschaft von Reinald Goetz

Der 2012 erschienene Roman des mit seinen Texten und bei seinen Auftritten stets provozierenden Autors Reinald Goetz ist das, was der Titel vorgibt: ein schockierender und deprimierender Abriss der Gesellschaft. Johann Holtrop ist ein deutscher Spitzenmanager, wie er im Buche steht. Ein skrupelloser Widerling, der hoch aufsteigt, nur um dann noch tiefer zu fallen. Zugegebenermaßen handelt es sich bei Holtrop nicht direkt um einen Senioren, aber zumindest am Ende der Erzählung, die sich von 2001 bis ins Jahr 2010 erstreckt, ist er mit Ende 50 sicherlich nicht mehr der Jüngste.

5) Die Folgende Geschichte von Cees Nooteboom

Die Novelle des niederländischen Autors Cees Nooteboom wurde im Original erstmals 1991 veröffentlicht und im selben Jahr ins Deutsche übersetzt. Der ehemaliger Gymnasiallehrer und weltfremde Altphilologe Hermann Mussert erinnert sich an die Geschehnisse seiner Vergangenheit, an eine Liebe, an eine Jugend. Eine mysteriöse Schiffsfahrt wird zu einer Totenreise, an deren Ende die Folgende Geschichte beginnt.

Buchcover: "Die folgende Geschichte" von Cees Nooteboom & "Die Stunde der Spezialisten" von Barbara Zoeke
“Die folgende Geschichte” & “Die Stunde der Spezialisten”

6) Die Stunde der Spezialisten von Barbara Zoeke

Mit seiner Publikation im Jahr 2017 trifft der historische Roman den Nerv der Zeit. Die Stunde der Spezialisten handelt von der sogenannten «Aktion T4», den schrecklichen «Euthanasie»-Verbrechen der Nationalsozialisten. Dieser Massenmord an physisch und psychisch Kranken wurde in der Kulturgeschichte viel zu lange kaum repräsentiert. Doch Barbara Zoeke gelingt es mit dem alternden Universitätsprofessor Max Koenig und dem Arzt Friedel Lerbe, sowohl den Opfern als auch den Tätern dieses tiefschwarzen Moments der deutschen Geschichte eine authentische Stimme zu verleihen.

Meine Rezension zu Die Stunde der Spezialisten findet ihr übrigens hier.

7) Le Malade imaginaire (Der eingebildete Kranke) von Molière

Das letzte Theaterstück des französischen Dramatikers Molière ist zugleich sein wohl bekanntestes Werk. Dies hängt sicherlich auch mit dem ungewöhnlichen, plötzlichen Tod zusammen, den der Autor während der vierten Inszenierung der Komödie am 17. Februar 1673 auf der Bühne erlitt, während er persönlich die Hauptrolle verkörperte, den alternden Hypochonder Argan. Trotz seines Alters bietet Der eingebildete Kranke auch heute noch hervorragende Unterhaltung und hat wenig von seiner Aktualität verloren. Das Stück wird noch immer regelmäßig in Theatern rund um den Globus aufgeführt.

Buchcover: "Le Malade imaginaire" von Molière & "Flaubert's Parrot" von Julian Barnes
“Le Malade imaginaire” & “Flaubert’s Parrot”

8) Flaubert’s Parrot (Flauberts Papagei) von Julian Barnes

1984 für den Booker Prize nominiert, ist der im selben Jahr veröffentlichte Roman eine postmoderne, fiktionale Abhandlung über den französischen Romancier Gustave Flaubert. Der Protagonist Geoffrey Braithwaite, ein ehemaliger englischer Landarzt, begibt sich auf die Spuren Flauberts, genau genommen auf die Spuren von einem ausgestopften Papagei, der den französischen Autor inspiriert haben soll. Die Erzählung handelt von der vergeblichen Suche nach dem Originalen und dem Authentischen, doch der Protagonist verliert sich letztendlich in dem Versuch, all die Widersprüche um das Leben und die Figur des historischen Autors zu begreifen.

9) Der Augenzeuge von Ernst Weiß

Mit Der Augenzeuge schleicht sich die zweite Erzählung in diese Liste, die vom Nationalsozialismus handelt. Ernst Weiß’ letzter Roman erschien 1963 posthum und handelt von der Lebensgeschichte eines katholischen Arztes, der in einem Lazarett des ersten Weltkriegs einen zur Blindheit verwundeten Soldaten heilt, der nur mit den Initialen «A.H.» bezeichnet wird, aber auch in allen weiteren biographischen und charakterlichen Aspekten eindeutig als der spätere Führer der Nationalsozialisten zu identifizieren ist. Es handelt sich um ein Zeugnis, ein Geständnis, ungeschönt und brutal, im Strudel nationalsozialistischer Ideologien.

Buchcover: "Der Augenzeuge" von Ernst Weiß & "Alles über Sally" von Arno Geiger
“Der Augenzeuge” & “Alles über Sally”

10) Alles über Sally von Arno Geiger

Ich muss zugeben, dass ich diesen 2010 publizierten Roman als einzigen dieser Liste abbrechen musste, allerdings erst im letzten Kapitel. Alles über Sally ist ein Porträt einer zerrütteten Ehe zwischen einer vitalen, sexuell aktiven Lehrerin und ihrem eigenbrötlerischen und stinklangweiligen Ehemann, dem die Seitensprünge seiner Frau völlig egal sind. Ein Ehepaar, das kaum miteinander spricht, eine egoistische Frau im Hormonchaos der Wechseljahre und ein Mann, dessen Misere sich im letzten Kapitel in der Form eines geradezu unleserlichen Gedankenstroms zuspitzt, der nur als kläglich gescheiterter Versuch gewertet werden kann, einen James Joyce zu imitieren. Ein Buch, das ich ganz sicher nie wieder in die Hand nehmen werde – aber immerhin handelt es sich bei dem Protagonisten Alfred mit seinen knapp 60 Lebensjahren um eine ältere Person.

Ich bedanke mich für die tolle Inspiration!

PS: Alle unsere Beiträge zum Top Ten Thursday findet Ihr hier.


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[Rezension] “Die Stunde der Spezialisten” von Barbara Zoeke

Titel:Die Stunde der Spezialisten
Autorin:Barbara Zoeke
Veröffentlichung:September 2017
Verlag:Die Andere Bibliothek

Klappentext

Es ist die Stunde der Spezialisten, wenn der Größte Feind der Wahrheit nicht die Lüge ist, sondern die Überzeugung.

NS-Deutschland 1940: Max Koenig ist Professor für Kunstgeschichte. Die Diagnose eines ererbten Nervenleidens, das einmal der «Schwarze Gast» hieß, reißt ihn aus seiner Karriere und fort von seiner italienischen Frau und der kleinen Tochter.

Empathisch dun erschütternd klar: Barbara Zolke gibt den Opfern und Tätern eines der verdrängten Verbrechen der Nationalsozialisten eine literarische Stimme – eine «Litanei auf die Farbe Schwarz».

Eine Frau, die auszog, das Fürchten zu lehren

In der Laudatio zu Ehren Barbara Zoekes im Rahmen der Verleihung des Gebrüder-Grimm-Preises der Stadt Hanau nannte der Redner Andreas Platthaus sie eine Frau, «die auszieht, das Fürchten zu lehren.» Der im August 2017 erschienene historische Roman Die Stunde der Spezialisten ist in der Tat keine leichte Kost. Denn die Erzählung stützt sich auf ein Thema, das in der Nachkriegszeit fast vollkommen tabuisiert und neben der umfangreichen historischen wie literarischen Aufarbeitung der Shoah beinahe vergessen wurde. Und das, obwohl im Rahmen der eugenischen «Säuberungsaktion» mehr als 200.000 Morde an physisch und psychisch Kranken verübt wurden, wovon etwa ein Drittel allein der nach der damaligen Zentraldienststelle in der Tiergartenstraße 4 «T4» benannten «Euthanasie»-Aktion zum Opfer fiel. Die habilitierte Psychologin Zoeke wählt zu diesem Zweck einen nüchternen literarischen Stil und lässt, eingebettet in einen Rahmen aus historischen Geschehnissen, Orten und Persönlichkeiten, zwei fiktive Charaktere jeweils ihre Geschichte erzählen. Auf der einen Seite begleiten die Lesenden den Altphilologen Max Koenig, der an der Erbkrankheit Chorea Huntington leidet und 1941 im Zuge der genannten Aktion ermordet wird, auf der anderen Seite den Chefarzt der Tötungsanstalten Brandenburg und Bernburg, Friedel Lerbe, Mitglied der NSDAP und der SS.

Buchdeckel der "Stunde der Spezialisten" von Barbara Zoeke. In den Karton eingestanzt ist die Silhouette eines Krankenhausbetts.
Buchdeckel “Die Stunde der Spezialisten”

Zu Beginn der Stunde der Spezialisten wird der Universitätsprofessor Koenig nach einem Zusammenbruch in ein Krankenhaus eingeliefert. Dort stellt sich heraus, dass das erbliche und unheilbare Nervenleiden, das seinen eigenen Vater im fortgeschrittenen Stadium in den gemeinsamen Selbstmord mit dessen Frau getrieben hatte, nun auch bei ihm selbst ausgebrochen ist. In den Wittenauer Heilstätten trifft er auf die Stationsschwester Rosemarie, die ihm mit allen ihr zu Verfügung stehenden Mitteln zu helfen versucht, und freundet sich mit dem psychisch angeschlagenen Studienrat Dr. Carl Hohein, der jungen, vom «Heldentod» ihres Vaters auf dem Schlachtfeld traumatisierten Musikerin Fräulein Elfie und dem an Trisomie 21 leidenden Jungen Oscar an. Die «Währung» auf der Pflegestation misst sich in Nahrung, der Wert der Insassen an deren Arbeitskraft.

Während Hohein in der Kriegsindustrie zu arbeiten vermag und aus diesem Grund nicht unmittelbar von der Tötungsaktion bedroht ist, gelingt es den Freunden, Elfie als Hausmädchen in die Sicherheit der Familie von Koenigs Schwägerin Catja zu vermitteln, der Frau des hochrangigen NS-Beamten Gernoth von Trabitz. Koenig selbst und Oscar dagegen werden schließlich in die Tötungsanstalt Bernburg verlegt, wo der Chefarzt Lerbe persönlich den Gashahn aufdrehen wird – ein Neffe Gernoth von Trabitz’ und flüchtiger Bekannter Koenigs. Der neben seinem älteren Bruder erfolglose Friedel Lerbe sieht in der «Euthanasie»-Aktion eine Gelegenheit, endlich als Arzt Karriere zu machen. Als fanatischer Verfechter der Rassenhygiene trägt er seine geheime Verantwortung mit Stolz und führt seine Aufgaben mit akribischer Sorgfalt durch. Mit seinem Team an Pflegern, Technikern und Leichenbrennern sorgt er dafür, dass die eingelieferten «Patienten» verschwinden, ohne bei den Angehörigen Misstrauen zu wecken. Zu diesem Zweck studiert er allerlei Krankheiten mit möglichem tödlichem Verlauf und fertigt gar eine offizielle ausführliche Auflistung und Kategorisierung möglicher Alibi-Todesursachen an.

Die Geister, die Zoeke rief

Die Autorin Barbare Zoeke legt in Die Stunde der Spezialisten Wert darauf, ihre beiden Protagonisten Koenig und Lerbe aus der bürgerlichen Mittelschicht stammen zu lassen. Beide werden als ambivalente Charaktere portraitiert, die an bestimmte Werte und Ideale glauben, Überzeugungen teilen und sich auch vor bestimmten Dingen verschließen, sie nicht sehen oder verstehen wollen: Es handelt sich ausdrücklich nicht um eine klassisch-literarische Paarung aus herausragendem Helden und „bösem“ Antihelden, sondern um vollkommen gewöhnliche, dem Alltag entsprungene Personen. Zoeke konzipierte den Roman zweifelsfrei für Lesende, welche in etwa dem gesellschaftlichen Stand der handelnden Figuren entsprechen. So wird ein gewisser Bildungsgrad vorausgesetzt, um einzelne größere Ereignisse der NS-Zeit einordnen zu können. Dazu wird der Roman durch einen ausführlichen Anhang ergänzt, der nicht nur die handelnden Figuren, sondern in einem Glossar auch medizinische sowie historische Details erklärt und prägende Persönlichkeiten vorstellt.

Kunstvolles Cover der "Stunde der Spezialisten" von Barbara Zoeke. Zu sehen ist ein surreal angehauchtes Bild, mit einem NS-Arzt im Zentrum, darum herum verschiedene Gegenstände, wie Krankenhausbetten, Lehrbücher und eine Waage.
Buchcover “Die Stunde der Spezialisten”

Darüber hinaus ist Die Stunde der Spezialisten auf eine beiläufige Art höchst aktuell. Selbstverständlich existieren keine strukturellen Parallelen zwischen der im Roman thematisierten «Euthanasie»-Aktion und der heute geführten Debatte um eine Legalisierung bestimmter Formen der Sterbehilfe, die einen Rückbezug auf die Geschehnisse der NS-Vergangenheit aus rationaler Sicht rechtfertigen würden. So wurde der Massenmord als «[s]treng geheime Reichssache» (S. 151) unter höchster Geheimhaltung durchgeführt, während in den heutigen demokratischen Debatten die Transparenz unangefochten im Mittelpunkt steht. Es ist jedoch eine Frage der Erinnerungskultur, der Furcht vor einer Wiederholung ähnlicher Tendenzen, die viele bei jedem Thema aufhorchen lässt. Aus diesem Grund ist eine Aufarbeitung der NS-Verbrechen – gerade im Kontext der Themen um die Tötung auf Verlangen und den assistierten Suizid – durchaus notwendig, um einerseits überzeugende Argumente entwickeln zu können und andererseits bestehende Berührungsängste zu konfrontieren. Barbara Zoekes Roman begründet in diesem Zuge anschaulich die Furcht, «dass der Arzt der gefährlichste Mensch im Staate sein könne.» (S. 130) Die Bedrohung liegt in der Kompetenz des Arztes, im Ernstfall zwischen dem Leben und dem Tod hilfloser Personen entscheiden zu können, wobei es als Außenstehender schwierig ist, die Legitimation der medizinischen Handlungen in Zweifel zu ziehen.

Von der Aktualität der Vergangenheit

In seinem autobiographischen Roman Schreiben oder Leben aus dem Jahre 1994 schreibt der spanisch-französische Schriftsteller und Überlebende des Konzentrationslagers Buchenwald, Jorge Semprún:

Gut erzählen heißt: daß man gehört wird. Das gelingt nicht ohne ein paar Kunstgriffe. Genügend, daß es Kunst wird.

Jorge Semprún

Dies ist Barbara Zoeke gelungen. In einer literarisch anspruchsvollen und gleichzeitig sehr anschaulichen und brandaktuellen Erzählung, die zugleich Fiktionalisierung historischer Ereignisse ist, gibt sie Anstoß zur Reflexion über verschiedene Arten des fremd- sowie des selbstbestimmten Sterbens. Sie thematisiert fiktive Einzelfälle, die unterschiedliche Rahmenbedingungen und Kontexte skizzieren. Dabei hat sie mit den nationalsozialistischen Verbrechen einen Handlungsrahmen gewählt, welcher die Debatten um die Legalisierung bestimmter Formen der Sterbehilfe in Deutschland noch heute bedingt. Indem Zoekes Schilderungen Menschheitsverbrechen und verzweifelte Liebestaten, Überzeugungstäter und hilflose Opfer nebeneinander stellen, gelingt es der Autorin, eine zeitlose Diskussionsgrundlage zu schaffen. Zahlreiche im Erzähltext versteckten Kommentare, die im zeitgenössischen Kontext wie heute gleichermaßen ihre Gültigkeit behalten, unterstützen überdies den Beitrag, den Zoeke im medizinethischen Diskurs um Sterbenlassen, assistiertem Suizid und Tötung auf Verlangen leistet.

Die Stunde der Spezialisten ist ein beeindruckender Text, dem es auf geschickte Art und Weise gelingt, sowohl den Opfern als auch den Tätern der «Euthanasie»-Aktion unter dem NS-Regime eine Stimme zu verleihen. Mithilfe verschiedener Blickwinkel weckt der authentische Erzählstil in den Lesenden ganz automatisch eine starke Empathie gegenüber den handelnden Figuren und ihren Schicksalen. Das Buch ist zwar schwer verdauliche Kost, doch das verleiht der Lektüre umso mehr Wert. Dazu erscheint der Roman am Rande einer höchst aktuellen medizinethischen Debatte um den assistierten Suizid in Deutschland…

Kurz & Bündig

PositivNegativ
SchreibstilAnspruchsvoll, nüchtern ★
SpannungVorhersehbar ☆
CharaktereAuthentisch ★
SettingRealistisch ★
HandlungErnst, bedrückend, intensiv ★

Bewertung: ★ ★ ★ ★ ☆

PS: Die Stunde der Spezialisten hat es übrigens auch auf diese Liste geschafft. Dort stelle ich zehn Bücher vor, deren Protagonist*in eine ältere Person oder eine*n Senior*in ist.


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[Blog] Thema 2020: Die Corona School

Der heutige Beitrag hat nicht direkt etwas mit Büchern oder Filmen zu tun. Stattdessen möchte ich eine Sache vorstellen, die in meinen Augen eine ganz wunderbare Angelegenheit ist. Es ist ein Zeichen der gegenseitigen Unterstützung in schwierigen Zeiten. Und es ist ein Zeichen dafür, dass die Jugend sich kümmert, und zwar heute mehr denn je.

Ich spreche vom Corona School e.V.

Die Corona School ist ein gemeinnütziger, deutschsprachiger Verein, der Studierende, die sich dazu breit erklären, in ihrer Freizeit ehrenamtlich Nachhilfe zu geben, an Schüler*innen vermittelt, die durch die covidbedingten Schulschließungen den Anschluss verloren haben und mit ihrem Schulstoff kämpfen.

Das klingt erst mal nach einem tollen Konzept, oder? Ist es auch!

Die Vision von Solidarität

Auf ihrer Website klagen die Initiatoren der Corona School die Konsequenzen für die Schüler*innen an, welche durch die Stilllegung des öffentlichen Lebens im März dieses Jahres hervorrief. Wessen Eltern ihre Kinder aus Bildungs- oder Zeitgründen nicht oder nur wenig bei ihrem Lernstoff unterstützen konnten, die*der fand sich unwiederbringlich vor einem schier nicht zu bewältigenden Berg voller Steilhänge und Schluchten. Doch auch jene Eltern, die selbst Unterstützung bieten konnten, sind zum einen keine Lehrerenden – ja, auch wenn ich meine Vorbehalte gegenüber der Lehrer*innenausbildung an deutschen Hochschulen habe, kann ich nicht leugnen, dass dieser Beruf einer der wichtigsten unserer Gesellschaft ist! – und andererseits können auch sie inmitten aller Verpflichtungen natürlich nicht über einen längeren Zeitraum die notwendige Zeit aufbringen, um eine erforderliche schulische Unterstützung zu gewährleisten. Vom digitalen Unterricht und den Unterstützungskonzepten der Schulen möchte ich gar nicht erst reden. Natürlich mag es Lehrende geben, die digitale Methoden geschickt und sinnvoll einzusetzen wissen, aber nach allem, was ich über verschiedene Kanäle mitbekommen habe, scheinen diese Exemplare zweifelsfrei in der Minderheit zu sein.

Der Großteil des Unterrichts an deutschen Schulen war seit März dieses Jahres wirklich unzumutbar, was ebenso auf unzureichende Betreuung und im selben Zuge unangemessene Erwartungen der Lehrenden zurückzuführen ist, wie auf die fehlende Medienkompetenz und Selbstdisziplin der Schüler*innen. Doch wer kann es letzteren verübeln? Es ist noch kein Genie im autonomen Lernen vom Himmel gefallen, mit plötzlich digitalen Lernkonzepten weiß man nicht über Nacht umzugehen und niemand – wirklich niemand! – kann von den Kindern verlangen, sich die französische Grammatik oder die Physikformeln «einfach so» selbst beizubringen. Mit anderen Worten: Im Frühjahr 2020 rächten sich die jahrelangen Defizite der deutschen Schulen in Bezug auf Digitalisierung und moderne Unterrichtsformen gnadenlos.

An dieser Stelle kam schließlich die Corona School ins Spiel. Denn mit den Schulen waren natürlich auch die Universitäten geschlossen. An den meisten Hochschulen wurde im Sommersemester eine Art digitales Semester abgehalten, aber auch hier taten sich mehr Probleme als Lösungen auf. Was das für die Studierenden bedeutete? Mit der Ausnahme von ein paar Seminaren, die als Videokonferenz abgehalten wurden, hatten die meisten nicht mehr viel zu tun, zumindest nicht für das Studium. Also kam eine Handvoll Studierende auf die Idee, die Situation der Studierenden fruchtbar zu machen, indem jene und die stark unter der Pandemie leidenden Schüler*innen zusammengebracht werden. Ein besonderer Gedanke galt hier sicherlich denjenigen Schüler*innen, deren Eltern sich womöglich gar keine professionelle Nachhilfe oder Lernunterstützung für ihre Kinder leisten können. Die Corona School war geboren.

Wie es funktioniert

Screenshot der Corona School Homepage: "HAUSAUFGABEN Die Student*innen der Corona School unterstützen dich bei der Bearbeitung deiner Schulaufgaben, ganz gleich, ob Aufgabenbetreuung, Abiturvorbereitung oder Nachhilfe. VERSTÄNDNIS Bei Verständnisschwierigkeiten wiederholen unsere Student*innen den Stoff in aller Ruhe mit dir und schauen, wo es hakt. FRAGEN Auch bei Fragen zum Studium kannst du dich an die Student*innen der Corona School wenden, um von individuellen Antworten zu profitieren."
Quelle: https://www.corona-school.de/schueler

Die Lernunterstützung der Corona School findet – selbstredend – auf einer digitalen Basis und völlig kostenlos statt. Schüler*innen beziehungsweise Eltern registrieren sich ganz einfach mit Namen und einer gültigen E-Mail-Adresse, die für die Kontaktaufnahme gebraucht wird. Ansonsten muss nur noch ausgewählt werden, ob man sich für das klassische Nachhilfeformat und/oder für einen der Gruppenkurse interessiert, und um welche Klassenstufe und Fächer es geht. Dann heißt es warten…

Studierende müssen im Prinzip exakt die gleichen Angaben ausfüllen: Name und gültige E-Mail-Adresse, die Art der angebotenen Unterstützung, also individuelle Nachhilfe oder Gruppenunterricht, und für welche Fächer und Klassenstufen sie zur Verfügung stehen. Für Studierende gibt es allerdings noch einen weiteren Schritt. Um die Sicherheit der Schüler*innen zu gewährleisten, muss jede*r Studierende via Videochat ein persönliches Kennenlerngespräch mit einer*m Beteiligten der Corona School absolvieren, in dem die Aufgaben und das weitere Vorgehen geklärt wird.

Der nächste Schritt ist schließlich das Matching. Da selbstredend weniger Studierende als Schüler*innen angemeldet sind, dauert die Vermittlung für letztere je nach Fächerwunsch etwas länger. Allerdings nehmen viele Studierende wiederum zwei oder mehr Schützlinge auf, was wiederum ein wenig Gleichgewicht schafft. Innerhalb weniger Tage bis Wochen erhalten Schüler*innen und Studierende jeweils die elektronischen Kontaktdaten ihres Matches. Die Corona School stellt für ein erstes Kennenlerngespräch zwischen Schüler*innen und Studierenden noch einen Konferenzraum auf der kostenlosen Videochat-Plattform Jitsi zur Verfügung, der Rest wird schließlich dem nun zusammengebrachten Paar überlassen.

Die Lernhilfe selbst findet natürlich ebenfalls auf digitalem Wege statt, wobei die konkreten Methoden völlig frei wählbar sind. Ob man weiterhin den Bereitgestellten Jisti-Link nutzt, oder lieber auf Zoom, Skype oder WhatsApp wechselt, ist jedem Paar selbst überlassen. Ebenso die Regelmäßigkeit und die konkrete Form der Nachhilfe. Videochat, E-Mail, Telefonat, WhatsApp – der Kreativität sind an dieser Stelle keine Grenzen gesetzt.

Ich bin dabei! Du auch?

Ich selbst meldete mich erst relativ spät, nämlich im Mai dieses Jahres, als Studentin bei der Corona School an. Damals war ich – natürlich ebenfalls aufgrund einer coronabedingten Verzögerung! – noch in der Universität eingeschrieben, hatte mein Studium aber eigentlich längst abgeschlossen. Obwohl ich die Fächer Deutsch, Englisch, Französisch und Philosophie für alle Klassenstufen anbot, wurde ich letztendlich innerhalb weniger Tage nur für Französisch an zwei Schüler*innen der sechsten und achten Klasse Gymnasium vermittelt. Beide hatten aufgrund des Schulausfalls und im digitalen Umfeld offenbar nicht sehr kompetenter Lehrkräfte nicht nur starke Defizite im Fach Französisch, sondern geradezu jede Hoffnung aufgegeben.

Beide Schüler*innen unterrichte ich nun seit sechs Monaten jeweils ein bis zwei Mal in der Woche. Die ehrenamtliche Arbeit bereitet mir großen Spaß, ohne, dass ich mich oder mein Umfeld dabei unnötigen sozialen Kontakten aussetzen muss. Social Distancing ist schließlich immer noch aktuell, bei den aktuellen Zahlen mehr denn je. Im vergangenen halben Jahr konnte ich mit Freuden beobachten, wie beide Schüler*innen nicht nur in Bezug auf den Stoff und Lehrplan langsam, aber stetig, aufholten, sondern auch zunehmend bessere Leistungen erzielten und sogar wieder ein bisschen Spaß am Fach Französisch entwickelten. Dabei sind beide ehrgeizig und nehmen die Lernunterstützung aus eigenem Antrieb wahr.

Heute bin ich zwar keine Studentin mehr, werde aber zumindest die beiden mir bisher vermittelten Schüler*innen weiterhin unterstützen, solange es zeitlich machbar ist. Es ist eine ehrenamtliche Tätigkeit, die relativ wenig Aufwand erfordert, deren Früchte man aber beim wachsen geradezu beobachten kann. In Zeiten der sozialen Distanz ist es außerdem völlig unbedenklich und bringt keinerlei Verpflichtungen mit sich.

Die Corona School ist noch immer aktiv und freut sich über neue Studierende. Wenn Du also in Deinem Studium gerade wenig zu tun hast und dich in der aktuellen Situation gerne gesellschaftlich engagieren möchtest, wieso schaust Du nicht einfach mal auf der Homepage der Corona School vorbei? Es handelt sich immerhin um eine wunderbare Sache und nach sechs Monaten als ehrenamtliche Nachhilfelehrerin kann ich den Verein guten Gewissens weiterempfehlen!

Vielleicht bist Du selbst auch Schüler*in oder Elternteil und weißt nicht, wie du im Ernstfall eine erneute Schulschließungswelle meistern sollst? Die Corona School ist auch für Eltern und Schüler*innen völlig kostenfrei und genau für diese Situation ins Leben gerufen worden. Scheue Dich nicht, einmal auf der Website der Corona School vorbei zu schauen. Eine Registrierung ist komplett unverbindlich und erfordert lediglich die zur elektronischen Kontaktaufnahme erforderlichen persönlichen Daten.

Ich bin dabei. Du auch?


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Titel:Genshin Impact
Entwickler:miHoYo
Publisher:miHoYo
Plattformen:Microsoft Windows, PlayStation 4, Android, iOS
(Angekündigt: Nintendo Switch, PlayStation 5)
Preis:Gratis, In-Game-Käufe möglich (Gacha-System)
Release:28. September 2020

Die Geschichte eines Geschwisterpaars

Sehnlichst hat die Gamingwelt auf den Release des Zelda: Breath of the Wild-Klons Genshin Impact gewartet. Die Ähnlichkeiten des Open-World-Action-RPG zum Vorbild in Bezug auf das Artdesign und einige Spielemechaniken sind offensichtlich, und doch ist es dem chinesischen Entwicklerstudio miHoYo gelungen, etwas ganz Eigenes ins Leben zu rufen. Und das auch noch völlig kostenlos!

Naja, fast. Das Spiel selbst steht zwar kostenfrei zum Download bereit, aber irgendwie muss das seit 2012 bestehende Entwicklerstudio schließlich trotzdem Geld verdienen. Ein großer Kritikpunkt, der in sämtlichen Medien zuhauf durchgekaut wurde, ist deshalb das sogenannte Gacha-System. Dabei handelt es sich um In-Game-Käufe von Lootboxen, deren Inhalte die Spielerfahrung aufwerten (sollen). Das Gacha-System ist allerdings nicht zu verwechseln mit dem allseits verabscheuten Pay-to-Win-Verfahren, bei dem der Name Programm ist. Stattdessen erhalten die Lootboxen in Genshin Impact Charaktere und Items, die nicht notwendig für einen erfolgreichen Spieldurchlauf sind, aber eben gewisse Vorteile mit sich bringen, wie etwa spaßige Kampftechniken.

In dieser Review möchte ich allerdings von weiteren Kommentaren zu diesem sicherlich umstrittenen Spielprinzip Abstand nehmen und meinen Fokus auf den Inhalt legen, also die Story und das Spielerlebnis. Denn, obgleich ich kein großer Fan davon bin, vertrete ich die Meinung, dass miHoYo einen hervorragenden Balanceakt zwischen Bezahlsystem und Content zustande gebracht haben. Aber dazu später mehr. Der offizielle Launch-Trailer bietet euch erste Eindrücke von dem Erlebnis, das euch in Genshin Impact erwartet.

Genshin Impact – Official Launch Trailer

Von Elementarkräften und einer uralten Verschwörung

Themenvorschau von Genshin Impact – „Gnostiker-Erlebnisbündel“|Englische Synchronisation

In Genshin Impact spielen wir eine Reisende beziehungsweise einen Reisenden, je nachdem auf welchen der beiden Protagonisten die Wahl in der Eingangsszene fällt. Ähnlich wie im jüngsten Assassin’s Creed-Titel wird der jeweils andere Part des Geschwisterduos automatisch zum Antagonisten. So handelt die Story von zwei Geschwistern, die beide ihr Gedächtnis verloren haben und um das elementare Gleichgewicht der riesigen Welt Teyvat ringen. Die Geschichte fasst der offizielle Storyteaser treffend zusammen.

Genshin Impact: Paimon, eine schwebende, kindliche, engelshafte Figur. Anime-Zeichenstil
Genshin Impact: Paimon

Unmittelbar nach der erwähnten Eingangsszene findet sich der gewählte, individuell benannte Avatar, der im (englischen) Voiceover nur als «Traveler», also «Reisende» oder «Reisender» bezeichnet wird, an einem idyllischen Strand wieder, wo sie auf Paimon trifft. Paimon ist von nun an die Begleitung der Spielenden, wobei es sich um eine androgyne, beinahe kindliche Figur handelt, die zu allem einen schlauen Kommentar beiträgt. An der Seite von Paimon erkunden wir also das riesige Land Teyvat, in dem bislang die – ebenfalls für sich jeweils beachtlichen – Gebiete Mondstadt, wo sich alles um das Element Wind dreht, und Liyue, das der Erde zugeordnet ist, bereist werden können. Weitere Gebietsabschnitte entsprechend der sieben Elemente Cryo (Eis), Dendro (Leben), Pyro (Feuer), Hydro (Wasser), Anemo (Luft), Geo (Erde) und Electro sind geplant. Dabei werden die Spielenden einerseits durch eine komplexe Mainquest sowie zahlreiche Nebenquests und Aufgaben quer durch die Welt geschickt, andererseits aber auch zum selbstständigen Erkunden animiert.

Wie bereits erwähnt, sind die Parallelen zum Open-World-Zelda-Titel Breath of the Wild in Bezug auf viele Gegnertypen und das allgemeine Kampf- und Questsystem sowie die Fähigkeit mithilfe eines Schirmes durch die Luft zu gleiten und die Karte durch die Aktivierung von Türmen aufzudecken offensichtlich. Im Gegensatz zum Vorbild, bei dem sich die Größenverhältnisse der weitläufigen Map bisweilen verlaufen, ist Teyvat jedoch geradezu vollgestopft mit Details. So kann man sich tatsächlich kaum fortbewegen, ohne auf Gegner, versteckte Truhen, Challenges, Dungeons, NPC-Dörfer, Collectibles oder Quests zu stoßen. Sowohl die Hauptstädte als auch die Landschaften sind wirklich liebevoll gestaltet und schreien geradezu danach, entdeckt zu werden.

Die Haupthandlung von Genshin Impact ist sicherlich keine Innovation, bietet aber trotzdem einen soliden Unterhaltungswert. Neben dem Kernkonflikt um das Geschwisterpaar geht es um alte Götter, imposante Drachen, gefährlicher Magier und «ganz normale Menschen» – kurzum alles, was ein guter High-Fantasy-Epos so braucht. Unterstützt wird das Spielerlebnis von humorvollen Dialogen, welche es locker mit diversen AAA-Titeln aufnehmen können. Positiv sticht außerdem hervor, dass man nahezu jeden der zahlreichen NPCs im Spiel ansprechen und sich dessen Geschichte anhören kann, so irrelevant dies für den Storyverlauf auch sein mag. Bisweilen erhält man auf diese Weise auch kleinere Items oder Hinweise zu bestimmten Orten.

Genshin Impact: Figuren Jean, Diluc, Venti und der weibliche Traveler. Anime-Zeichenstil
Genshin Impact: Jean, Diluc, Venti, Traveler

Neben dem Erkundungswahnsinn ist der nennenswerteste Aspekt von Genshin Impact das Kampfsystem. Auch dieses ist offensichtlich an das Vorbild angelehnt, was sich nicht zuletzt im Angesicht der unterschiedlichen Gegner offenbart, die sehr an Zeldas Bokblins, Moblins, Flederbeißer, Pyromagus und Schleime erinnern. Im Unterschied zu Breath of the Wild allerdings stellen die Spielenden in Genshin Impact aus verschiedenen, teilweise im Storyverlauf und teilweise aus Lootboxen ergatterten Charakteren ein vierköpfiges Team zusammen. Zwar ist immer nur eine dieser Figuren als Avatar aktiv, aber es ist jederzeit möglich, zwischen den ausgewählten Charakteren zu wechseln. Dies ist auch unabdinglich, da sich die Avatars neben unterschiedlichen Nah- und Fernkampfwaffen sowie Kampfstilen auch in den ihnen zugeordneten Elementen und somit auch in ihren Spezialangriffen unterscheiden. So müssen die Spielenden, ähnlich wie in Pokémon, stets die Wechselwirkungen der sieben Naturelemente im Blick behalten, um gegen die diversen Gegner passende Kampfstrategien anzuwenden und auch selbst nicht ins Hintertreffen zu geraten. Bemerkenswert ist außerdem, dass sich jeder der möglichen Charaktere durch einen unverwechselbaren Charakter und eine ausgearbeitete Hintergrundgeschichte auszeichnet, die, wenn sie nicht in den Verlauf der Haupthandlung eingeflochten ist, wie es bei den wichtigsten Figuren der Fall ist, zumindest über das Menü abrufbar ist – sogar mit Voiceover!

Leider bekommt all die Abenteuerlust spätestens im Late-game einen gehörigen Dämpfer. Ich selbst stecke zwar noch mitten in der Mainstory, denn Genshin Impact bringt es mit allen Nebenabenteuern auf etwa 70 bis 100 Stunden Spielspaß. Der dem Game gewidmete Subreddit jedoch sprudelt nur so über vor Beschwerden über das eintönige Late-game, in dem offenbar neben einer Reihe an täglichen Aufgaben nicht mehr viel zu tun bleibt. Glücklicherweise war das aber noch lange nicht alles! Zumindest hat der Entwickler miHoYo nach eigenen Angaben noch viel geplant. Da das Spiel auf allen Plattformen kostenlos zum Download bereitsteht und kontinuierlich geupdated werden soll, können wir also gespannt sein.

Ein Zelda-Klon – und doch so viel mehr

Genshin Impact hat mich persönlich extrem positiv überrascht. Zelda: Breath of the Wild habe ich zwar ebenfalls sehr gerne gespielt, kann aber dessen Langatmigkeit über gewisse sowie die ein oder andere zweifelhaft Design- beziehungsweise Gameplay-Entscheidung nicht leugnen. Nun, meine Hoffnungen wurden gänzlich übertroffen. Das Anime-Spiel pickt sich die guten Elemente des Vorbilds heraus und kombiniert sie mit neuen Elementen zu etwas ganz Eigenem.

Genshin Impact: Ein grün gekleideter Barde spielt Leier. Im Hintergrund sind vier weitere Figuren zu sehen. Anime-Zeichenstil
Genshin Impact: Venti

Handlung, Charaktere, Gameplay, Kämpfe – in all diesen Aspekten überzeugt Genshin Impact auf ganzer Linie. Sicherlich zieht das Gacha-System die Bewertung etwas nach unten, denn ich hätte mit Freuden einen angemessenen Preis für ein fertiges Spiel völlig ohne In-Game-Käufe gezahlt. Dennoch handelt es sich hier nicht um ein Pay-to-Win-Verfahren (mein persönliches K.O.-Kriterium). Genshin Impact lässt sich hervorragend durchspielen, ganz ohne einen einzigen Cent auszugeben, denn auch innerhalb des Spiels gibt es noch diverse Möglichkeiten, an die Währung für die begehrten Lootboxen zu gelangen, was völlig ausreicht, um mit etwas Glück eine kleine Sammlung guter Charaktere und Waffen zu zusammenzustellen.

Insgesamt besitzt Genshin Impact – nicht zuletzt aufgrund der spaßigen Kampfmechanik – einen hohen Wiederspielwert. Da es völlig kostenlos und für eine ganze Reihe an Plattformen angeboten wird, kann ich nur jedem ans Herz legen, dem neuen High-Fantasy-Epos aus chinesischem Hause eine Chance zu geben.

Kurz & Bündig

PositivNegativ
GameplayAbwechslungsreich,
Co-op (Cross-Plattform) möglich ★
Gacha-System ☆
SpannungStarke Quests & komplexes Kampfsystem ★Eintöniges Late-game ☆
CharaktereCharakterstark ★
SettingDetailreich & liebevoll ★
HandlungPackend & authentisch ★

Bewertung: ★ ★ ★ ★ ☆


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[Rezension] “QualityLand 2.0” von Marc-Uwe Kling

Titel:QualityLand 2.0: Kikis Geheimnis
Autor:Marc-Uwe Kling
Veröffentlichung:12. Oktober 2020
Verlag:Ullstein

Hinweis: Diese Rezension beinhaltet Spoiler zum ersten Band QualityLand (2017).

Dieser Klappentext ist einmalig!

Schwer was los in …
QUALITYLAND
… dem besten aller möglichen Länder!

Jeder Monat ist der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnung, ein Millionär möchte Präsident werden, und dann st da noch die Sache mit dem Dritten Weltkrieg. Peter Arbeitsloser darf derweil endlich als Maschinentherapeut arbeiten und versucht, die Beziehungsprobleme von Haushaltsgeräten zu lösen. Kiki Unbekannt schnüffelt in ihrer eigenen Vergangenheit herum und bekommt Stress mit einem ferngesteuerten Killer. Außerdem benehmen sich alle Drohnen in letzter Zeit ziemlich sonderbar …

Kalliopes neuer Mega-Pageturner

Rückseite des Buchcovers von QualityLand 2.0. Text: «Dieses Buch ist ein Mega-Pageturner! Was in Kapitel 4 passiert, ist ultrakrass!»

– Nein, ich habe nicht den Verstand verloren, zumindest nicht völlig. Mit diesem bilderbuchhaften Clickbait-Titel bewirbt der Roman sich selbst, und zwar ganz im QualityLand-Stil nicht nur auf dem Buchrücken, sondern auch auf der Bucheigenen Homepage. Und natürlich steht überhaupt der ganze Inhalt unter diesem Motto, denn, um die altbekannte innenfiktionale Autorin und weltberühmte E-Poetin zu zitieren, ist es «nämlich leider so, dass diejenigen, die mit mir [Kalliope 7.3, Anm. Verf.] um Ihre geschätzte Aufmerksamkeit konkurrieren, keinen Quality auf guten Stil geben!» So sah sich die arme Kalliope 7.3 offenbar gezwungen, ihre wenig geschätzten literarischen Konkurrenten mit deren eigenen Mitteln zu schlagen, indem sie nahezu alle Kapitelüberschriften nach sämtlichen Regeln der SEO-Kunst hyperoptimiert. Ob sie dann überhaupt noch etwas mit dem entsprechenden Inhalt zu tun haben, bleibt immer wieder eine Überraschung. Hätten wir etwas anderes vom QualityLand-«Update» erwartet? Natürlich nicht!

Neben der allseits beliebten E-Poetin Kalliope 7.3 treffen wir in QualityLand 2.0: Kikis Geheimnis eine ganze Reihe Charaktere aus dem ersten Band wieder. Da ist natürlich Kiki Unbekannt, um die sich der zentrale Handlungsstrang windet, wie der Untertitel natürlich vermuten lässt. Dicht gefolgt von Peter Arbeitsloser, der nun endlich als Maschinentherapeut arbeiten darf, der politischen Strategieberaterin Aisha Ärztin und Martyn Aufsichtsrat-Stiftungspräsident-Berater-im-Präsidialamt-Vorstand, der sich schon im ersten Band von seiner besten Seite gezeigt hat. (Nicht.) Drum herum springen mal hier, mal da, im Wechsel mit einigen wenigen neuen Figuren, auch Tony Parteichef und Conrad Koch, Sandra Admin, Julia Nonne, Bob Vorstand, Henryk Ingenieur und natürlich «der Alte» durch die Kapitel. Schließlich ist auch die Schar an Maschinen wieder am Start, die der ehemalige Maschinenverschrotter Peter einst vor der Vernichtung rettete, allen voran das vorlaute QualityPad Pink. Ach ja, und John of Us. Der ist allerdings nicht wirklich da, wurde er doch im Finale des ersten Bandes Opfer eines Maschinenstürmeranschlags, ausgeführt von Martyn Vorstand. Dafür sorgt genau diese Nicht-Anwesenheit des ehemaligen Präsidenten von QualityLand nun dafür, dass sich unzählige Gerüchte um die vermeintliche Weiterexistenz der künstlichen Intelligenz ranken, was einen Großteil der Gesellschaft in zwei Lager aufspaltet: Verschwörungstheoretiker und Gläubige.

Die Handlung von QualityLand 2.0 ist schnell umrissen. Es geht um Kikis Geheimnis – wer hätte das nur gedacht! Ok, Spaß beiseite. (Was zugegebenermaßen echt nicht einfach ist, wenn man gerade dieses Buch gelesen hat und sich noch nicht so recht davon lösen kann…) Kiki versucht also um jeden Preis, etwas über ihre Herkunft herauszufinden. Wer sind ihre Eltern? Was ist mit ihrer Familie passiert? Wieso erzeugte ein spurlos verschwundenes Baby damals keine Aufmerksamkeit? Die einzige Fährte der Hackerin ist der ferngesteuerte Killerroboter, der ihr neuerdings auf den Fersen ist. Und dann ist da noch der Countdown, der jeden von Kikis Schritten begleitet… Was wird nur passieren, wenn er bei Null angelangt ist?

Buchcover von QualityLand 2.0: Kikis Geheimnis
QualityLand 2.0 von Marc-Uwe Kling

Ähnlich wie die doch relativ banale, aber halt auch sehr lustige Geschichte um Peters Problem im ersten Band stellt Kikis Geheimnis in QualityLand 2.0 den handlungstragenden Spannungsbogen des Romans dar. Er ist zwar nicht sonderlich komplex, spricht aber die aufgebaute Neugierde in Bezug auf die geheimnisvolle Figur Kikis an, die wie ein Gespenst durch die elektronischen Netze spukt und die sich zwischen unzähligen Alias praktisch auf Knopfdruck unsichtbar machen kann. Wir erfahren endlich mehr über die junge Frau mit den grünen Augen! Der Handlungsbogen bringt außerdem die nötige Spannung mit, die mich das Buch beinahe am Stück verschlingen ließ. Ein paar Thriller-Elemente hier, eine Verfolgungsjagd dort – eine simple, in gewisser Weise sehr düstere, aber nichtsdestotrotz gelungene Geschichte.

Obwohl Kikis Geheimnis das Herzstück des Romans darstellt, ist es tatsächlich nur ein kleiner Teil der großen Erzählung. Gerahmt und immer wieder unterbrochen wird die Handlung von Episoden aus Peters, Aishas und Martyns Alltag, die alle ihre eigenen, ganz persönlichen Kämpfe austragen. Seien es das vermaledeite soziale Levelsystem, der plötzlich ausgebrochene Dritte Weltkrieg, der angeblich nicht weniger plötzlich ausgebrochene Klimawandel oder die politischen Machtspiele, keinem der Protagonisten von QualityLand droht auch nur ansatzweise langweilig zu werden. Genauso wie die zahlreichen fiktiven Werbeunterbrechungen, die sich optisch vom Erzähltext abheben, dienen diese episodenhaften Erzählstränge in erster Linie dazu, die alles durchdringende Gesellschaftssatire zu illustrieren. Der Humor ist dabei gewohnt bissig und macht auch vor sinnlosen Kriegen und überforderten Politikern nicht Halt, die weder eine Ahnung, noch einen Plan dafür haben, was in ihrem Land vor sich geht. Einen Einblick gibt euch dieser Teaser, in dem Marc-Uwe Kling einen Ausschnitt aus einem Gespräch zwischen Tony Parteichef und Aisha Ärztin zum Besten gibt.

QualityLand 2.0 – 36,7 Prozent aller Jobs sind komplett sinnlos. Gehört deiner dazu?

Das Ende wird dich überraschen!

QualityLand 2.0: Kikis Geheimnis ist eine rundum gelungene Fortsetzung des ersten Bandes. Die ironisch-kritische Science-Fiction-Komödie greift den Zukunftsentwurf aus dem Vorgänger auf, bringt aber zugleich viele neue Ideen hinein, die das Ganze nicht nur plastischer, sondern in gewisser Weise auch erschreckend realistischer wirken lassen. Die handlungstragende Erzählung um Kiki bringt Spannung und Intrigen mit sich, die bisweilen die Atmosphäre eines klassischen Thrillers aufgreift und der Welt so eine noch unheilvollere Note verleiht. Ich persönlich empfand Kiki schon immer als sehr sympathischen Charakter und habe diesen Handlungsbogen sehr genossen.

Ganz im Stil von QualityLand spielt auch diese Fortsetzung durchgehend mit der Repräsentation unterschiedlicher Medien im Text, schaltet «Werbeanzeigen» und «Mitschnitte von Aufnahmen» zwischen die einzelnen Kapitel und wird insgesamt von unterschiedlichen, menschlichen wie nicht-menschlichen Erzählfiguren getragen. Neben der politischen Satire handelt der Roman vom gesellschaftlichen Auf- und Abstieg, von der Allgegenwart der Medien, vom Kontrollverlust der Menschen und schließlich vom Versagen jedes Einzelnen. Das mag düster klingen – ist es aber nunmal auch. Bei allem Humor und Witz empfinde ich QualityLand 2.0 als deutlich finsterer und härter als den Vorgänger. Das trifft aber wiederum erschreckend gut diverse aktuelle Themen und Entwicklungen…

Kurzum: Wenn Du den ersten Teil kennst, ein Fan von treffender, scharfzüngiger Satire bist und einen spannungsgeladenen Handlungsbogen genauso zu schätzen weißt wie gute Science-Fiction, dann ist QualityLand 2.0: Kikis Geheimnis für Dich ein absolutes Muss!

Kurz & Bündig

PositivNegativ
SchreibstilGewohnt überspitzt und flapsig ★
SpannungAufbauend ★
CharaktereIkonisch ★
SettingZukunftsnah ★
HandlungGesellschaftssatire ★

Bewertung: ★ ★ ★ ★ ★

PS: QualityLand 2.0 hat es außerdem auf diese Liste geschafft. Dort stelle ich euch zehn Autor*innen vor, deren Namen mit dem Buchstaben “K” beginnen.


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