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[Review] Enola Holmes | Netflix

Titel:Enola Holmes
Publisher:Netflix
Regie:Harry Bradbeer
Produktion:Mary Parent, Alex Garcia, Ali Mendes,
Millie Bobby Brown, Paige Brown
Erstveröffentlichung:23. September 2020
Länge:123 Minuten

Enola Holmes | Offizieller Trailer

Enola Holmes | Offizieller Trailer | Netflix

Enola auf sich allein gestellt – oder nicht?

Eine kecke, junge Frau in einem einfachen, blauen Kleid dirigiert ihr Fahrrad sichtlich mühsam über einen holprigen Feldweg und redet dabei ungeniert direkt mit den Zuschauenden. Sie stellt sich als Enola vor, fasst kurz die Geschehnisse der vergangenen Jahre und Wochen zusammen, lässt sich von einem kleinen Sturz auf einem blättergepolsterten Waldweg nicht beirren und erläutert schließlich, wie es dazu kam, dass sie sich nun in ebendiesem Moment auf dem Weg zum Bahnhof befindet, um ihre beiden älteren Brüder Mycroft und Sherlock abzuholen – ja genau, den Sherlock Holmes. Bereits diese ersten Szenen zeugen von einer spielerischen Leichtigkeit, die den gesamten Film Enola Holmes auszeichnet.

Diese Frische verdanken wir nicht zuletzt der Hauptdarstellerin Millie Bobby Brown, die der Rolle der Enola Holmes einen wunderbar authentischen und liebenswerten Charakter verleiht. Ihr gegenüber stehen ihre beiden älteren Brüder, der konservative Mycroft (Sam Claflin, unter anderem bekannt als Finnick Odair in The Hunger Games) und der berühmte, egozentrische Detektiv Sherlock (Henry Cavill, Superman in den DC Extended Universe-Filmen und ein großartiger Geralt of Rivia in Netflix’ The Witcher).

"Enola" gelegt mit Scrabble-Buchstaben

Nachdem Eudora, die Mutter der Holmes-Geschwister, verkörpert durch Helena Bonham Carter, an Enolas 16. Geburtstag scheinbar spurlos verschwindet, kontaktiert die junge Frau ihre beiden Brüder in London und bittet sie um Hilfe. Doch alles, was sie damit erreicht, ist, dass ihr neuer Vormund Mycroft sie auf ein Mädchenpensionat schicken will, um ihre gesellschaftsfähige Erziehung sicherzustellen, während der von ihr stets bewunderte Sherlock mehr an dem Mysterium um die verschwundene Eudora an sich interessiert ist, als an seiner kleinen Schwester.

Enolas Ausweg? Sie reißt kurzerhand aus. Und zwar nach London, wo sie sich, plötzlich ganz auf sich allein gestellt, zugegebenermaßen hervorragend zurechtfindet. Ihre Mutter unterrichtete sie schließlich jahrelang nicht nur in verschiedenen Sportarten und Kampfkünsten, sondern auch darin, ihre Umgebung genauestens zu beobachten, daraus zu schlussfolgern und schließlich – das wichtigste! – zu lernen. Auf ihrem Abenteuer trifft sie auf den ebenfalls von Zuhause ausgebrochenen Lord Viscount Tewksbury, einen jungen Adeligen, dem ein Auftragsmörder auf den Fersen ist. So macht sich Enola Holmes in London nicht nur auf die Suche nach ihrer Mutter, die ebenfalls ihr ganz eigenes, berechnendes Spiel zu spielen scheint, sondern löst ganz nebenbei auch das Rätsel um das Tweksbury’sche Familiendrama.

Zwischen Familiendrama & Feminismus

Sieht man sich die Bewertungen von Enola Holmes auf Metacritic.com an, so wird schnell klar, dass der Film von kritischen Medien überwiegend positiv aufgenommen wurde, während die Nutzerbewertungen eher durchwachsen sind. Ein Blick auf jene Kommentare lässt allerdings unschwer ein trauriges Muster erkennen: Je mehr sich die bewertende Person ganz individuell an dem im Film repräsentierten Feminismus stört, desto schlechter die Wertung.

"Alone" gelegt mit Scrabble-Buchstaben

Tatsächlich dreht sich der gesamte Film um die Kritik am herrschenden Patriarchat sowie um die weibliche Selbstermächtigung. Den Tod ihres Ehemannes und schließlich den Auszug ihrer erwachsenen Söhne nahm Eudora Holmes etwa zum Anlass, jedwedes patriarchales Gedankengut aus ihrem Hause zu verbannen und ihre Tochter in einem freiheitlichen Umfeld aufwachsen zu lassen, das nur dazu einlädt, erkundet zu werden. Während sich herausstellt, dass Eudora offenbar gar Teil einer sowohl radikalen, als auch regierungsfeindlichen Frauenbewegung ist, muss sich die von ihrer Mutter stets unkonventionell und liberal erzogene Enola nicht nur den konservativen Erwartungen ihres Bruders entgegenstellen, der alle gesellschaftlich-patriarchalen Zwänge verkörpert, sondern jene auch am eigenen Leib erfahren. Nicht selten greift sie bei ihren Plänen außerdem auf eine Verkleidung als Mann zurück, um ihren Zielen einen Schritt näher zu kommen.

Mycroft und vor allem der für seine gewaltigen Fähigkeiten der Deduktion berühmte Sherlock Holmes, aber auch alle anderen männlichen Figuren verblassen neben der jungen Frau zu einer erfrischenden Unfähigkeit, wobei insbesondere der gefeierte Privatdetektiv stets einen Schritt hinter seiner gewieften Schwerster her hinkt. Einzig der Adelssohn Viscount Tewksbury – ausgerechnet! – scheint die wahren Kraftverhältnisse zwischen den Geschlechtern begriffen zu haben und sich in seiner männlichen Rolle neben der emanzipierten Frau vollkommen wohl zu fühlen. Sein von einem Augenzwinkern begleiteter Catchphrase macht ihn nicht nur zu einem sympathischen Charakter, sondern zeugt ebenfalls von seiner Anerkennung des Weiblichen als mindestens ebenbürtig:

I’m not entirely an idiot.

«Ich bin nämlich nicht nur ein Idiot.»

Eine kurzweilige Holmes-Adaption

"Enola Holmes" gelegt mit Scrabble-Buchstaben

Leider kenne ich persönlich die Buchreihe von Nancy Springer nicht, auf der die Romanverfilmung Enola Holmes basiert, bin aber ein großer Fan der Erzählungen Arthur Conan Doyles sowie vieler Adaptionen des Franchises. Ohne auf das Hintergrundwissen der Romanvorlage zurückgreifen zu können, gefällt mir der Film jedoch außerordentlich gut. Genau genommen waren meine Erwartungen deutlich niedriger angesiedelt und wurden – nicht zuletzt dank der hochkarätigen Besetzung – deutlich übertroffen.

Die Handlung von Enola Holmes mag bisweilen etwas konfus wirken, da der Plot nach etwa den ersten 30 Minuten permanent zwischen dem Mysterium um die verschollene Mutter und dem Rätsel um Lord Viscount Tewksburys mörderischen Verfolger umher pendelt. Dennoch handelt es sich zwar um zwei ineinander verflochtene, aber jeweils in sich geschlossene Handlungsbögen, die der Erzählung einen soliden Rahmen bieten. Eine gewisse Spannung wird im Sinne einer Mystery-Geschichte zwar aufgebaut, aber die jeweiligen Auflösungen sind doch relativ vorhersehbar. Dies tut dem kurzweiligen Filmspaß allerdings keinen Abbruch, da die sympathischen Charaktere und die, wenngleich streckenweise etwas platte, aber nichtsdestotrotz vorhandene und überdies humorvoll aufgezogene Thematisierung feministischer Bewegungen sowie der weiblichen Emanzipation jeweils ihren Teil zur Unterhaltung beitragen.

Im Großen und Ganzen handelt es sich bei Enola Holmes um leicht-lockerflockige Filmkost, von der man nicht allzu viel Tiefgründigkeit erwarten darf. Zwei Stunden lang vermag es die Protagonistin, die Zuschauenden spielend leicht für sich und ihre Ziele zu gewinnen, was unter anderem dem unkonventionellen Erzählstil zu verdanken ist. Enola spricht nämlich über den gesamten Film hinweg immer wieder unmittelbar mit den Zuschauenden, durchbricht also die aus dem Theater bekannte «vierte Wand». Indem sie auf diese Weise nicht nur ihre aktuellen Pläne und Gedanken erläutert, sondern auch direkte Fragen stellt oder hinter dem Rücken anderer Charaktere einen augenrollenden Blick unmittelbar in die Kamera wirft, bindet sie die Rezipierenden aktiv in die Handlung ein und macht sie so gewissermaßen zu ihren Verbündeten.

Ich kann Enola Holmes auf jeden Fall wärmstens empfehlen. Kurzweilige Unterhaltung, sympathische Charaktere und ein kniffliges Rätsel – braucht ein gelungener Filmabend denn noch mehr?

Kurz & Bündig

PositivNegativ
ErzählstilLocker & unkonventionell ★
SpannungSituationsbedingt vorhanden ★Langfristig vorhersehbar ☆
CharaktereSympathisch & authentisch ★
SettingÜberzeugendes viktorianisches England ★
HandlungUnterhaltsam, feministisch angehaucht ★Bisweilen etwas konfus ☆

Bewertung: ★ ★ ★ ★ ☆


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4 Anmerkung zu “[Review] Enola Holmes | Netflix

  1. Rebecca

    Hallo Sandra,
    danke für deine schöne, detaillierte Review. Mir hat der Film an sich auch gut gefallen. Ich musste mich am Anfang erst ein wenig an die durchbrochene “vierte Wand” gewöhnen. Aber es hat sehr viel Spaß gemacht zu sehen, wie Enola gut auf sich selbst aufpasst und auch brenzlige Situationen oft ohne männliche Hilfe schafft. Gerade in Filmen für jüngeres Publikum ist das doch noch etwas selten, finde ich.

    Liebe Grüße,
    Rebecca

    Antworten
    1. Sandra Autor des Beitrags

      Hallo Rebecca,

      vielen lieben Dank für deinen Kommentar!
      Für mich war die Sache mit der vierten Wand besonders zu Beginn auch sehr ungewohnt und irritierend. Aber ich finde das unglaublich raffiniert, wie auf diese Weise die Zuschauenden selbst die Rolle des detektivischen Sidekicks einnehmen. Und wenn es auch nicht sonderlich tiefgründig ist, finde ich die emanzipatorische Message des Films doch sehr wichtig – wie du sagst, gerade auch mit blick auf ein jüngeres Publikum 🙂

      Herzliche Grüße
      Sandra

      Antworten
  2. Aleshanee

    Hi!

    Ich hab den Film ja auch gesehen, da ich die Buchreihe kenne (die ich sehr empfehlen kann!) und ich fand den Film echt gut – aber er hat eine völlig andere Atmosphäre als die Bücher.
    Den Film empfinde ich als sehr “amerikanisch” und “schnell”. In den Büchern passiert alles langsamer und es wurde auch etwas an der Handlung verändert, da bin ich gespannt wie sie das weiter machen sollen, denn es ist schon etwas, dass nicht zur Buchstory passt. Aber mal abwarten.
    Jedenfalls ist in den Büchern diese typische klassische London Atmosphäre aus der Zeit spürbar, die hab ich in dem Film teilweise doch etwas vermisst.

    Liebste Grüße, Aleshanee

    Antworten
    1. Sandra Autor des Beitrags

      Hi Aleshanee,

      danke für deinen Kommentar!
      Ich bin ja sowieso ein großer Fan davon, immer auch die Buchvorlagen zu lesen – am Besten natürlich vorher. Dabei ist natürlich auch immer spannend, wie welche Aspekte den Medienwechsel “überleben”. Ich habe überhaupt schon so viel Gutes über diese Bücher gehört, spätestens nach deinem Kommentar haben sie jetzt definitiv einen Platz auf meiner Leseliste gefunden! 🙂

      Herzlichste Grüße
      Sandra

      Antworten

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