Der Titel "Alles wie es scheint" auf einer Bildcollage in rottönen. Man sieht eine verschneide Straße mit mehreren Silhouetten von Passanten. Im HIntergrund sind mehrere hell erleuchtete große Gebäute zu sehen. Darüber ein im Verhältnis gigantisches Augenpaar, das die Betrachtenden direkt anszusehen scheint. Links und rechts davon blicken weibliche Gesichter in ähnlicher Größenordnung gedankenverloren nach oben.

[Kapitel I] Alles wie es scheint

Klappentext & Content Notice

Fortsetzungsgeschichte, Krimi, Science-Fiction

Deutschland, im Jahr 2084. Die Kriminalkommissarinnen Alex Saciem und Maya Untersberger untersuchen den Fall einer Kindesentführung. Zunächst scheint die Sache eindeutig und der Täter schnell ausfindig gemacht. Doch ist wirklich alles so, wie es scheint?

[CN: Kindesentführung, Misshandlung]

  1. Ein Morgenmuffel kommt selten allein
  2. Lass die Technik ihren Job tun
  3. Von Menschen und Maskottchen
  4. Von Angesicht zu Angesicht
  5. Alles wie es scheint?

I-1 Ein Morgenmuffel kommt selten allein

«Ziel erreicht in 500 Metern.»

«Na endlich», murmelte Alex zwischen zusammengebissenen Zähnen, während sie noch mit beiden Händen damit beschäftigt war, ihre rote Mähne zu bändigen. Sie war so auf ihr Spiegelbild fixiert gewesen, dass sie kaum auf die Strecke geachtet hatte. Aber das war bei den selbstfahrenden Autos heutzutage auch kaum mehr nötig.

«PIMU: Suche Parkplatz im Umkreis von 20 Metern», wies sie das Gefährt an.

«Verstanden. Initiiere Suche nach geeignetem Parkplatz in einem Radius von 20 Metern.»

Alex verzog die Mundwinkel zu einer Grimasse. Dass das Ding jedes Wort wiederholen musste, wie so ein elektronischer Papagei, war ihr schon von Anfang an auf die Nerven gegangen. Andererseits war es im Straßenverkehr natürlich der Fahrsicherheit geschuldet, durch die akribische Bestätigung jedes Befehls die reibungslose Kommunikation zwischen Mensch und Maschine sicherzustellen. PIMU, das war das Akronym für Personal Intelligent Mobility Unit. Wer etwas auf sich gab und außerdem bereit war, genug Geld dafür auf den Tisch zu legen, besaß eines. Bei dem Gedanken musste Alex schmunzeln. «Geld auf den Tisch legen», das war schon wieder so eine antiquierte Redewendung, bei der man sich kaum mehr vorstellen konnte, woher sie wohl stammen mochte. Dabei war es eigentlich noch gar nicht so lange her. Vor nur etwa 70 Jahren hat man bei Transaktionen tatsächlich noch richtige Münzen und Geldscheine ausgetauscht. Wie viele Keime dabei ebenfalls die Seiten wechselten, wollte sich die junge Frau gar nicht erst vorstellen.

«Ziel erreicht. Ich wünsche dir einen angenehmen Aufenthalt.» Das leise Surren der Technik verstummte und die Displays schalteten sich selbstständig ab.

«Danke vielmals», entgegnete Alex der künstlich generierten Stimme, während sie den Knopf zum Öffnen der Seitentür betätigte. Eine PIMU war die bei Weitem angenehmste Art der Fortbewegung innerhalb der Stadt. Allerdings konnte sich nur eine sehr überschaubare Anzahl an Menschen eine leisten. Natürlich abgesehen von den Angestellten in systemkritischen Berufen. So stand jeder Kommissarin und jedem Kommissar der Kriminalkommission eine persönliche PIMU zur Verfügung, man konnte sogar die bevorzugte Farbe wählen. Alex liebte ihren Job allein dafür.

Etwas verloren stand sie nun mitten in einem mittelständischen Wohngebiet. Das Haus direkt vor ihr musste die Adresse des Tatortes sein, doch von ihrer Kollegin Maya fehlte jede Spur. Gerade wollte sich die junge Kriminalkommissarin wieder in ihr Fahrzeug setzen, um die Wartezeit angenehmer zu gestalten, als ein glänzend schwarzer Oldtimer mit quietschenden Reifen um die Ecke schoss. Durch die leicht getönten Scheiben konnte Alex die Fahrerin des Audi e-tron, Baujahr 2020, dabei beobachten, wie sie hektisch, aber routiniert am Lenkrad kurbelte, um den antiquierten Wagen manuell hinter Alex’ PIMU zu parken. Auch nach drei Jahren Dienstzeit an der Seite der Kriminalhauptkommissarin Maya Untersberger war sie noch immer fasziniert von der seltsamen Vorliebe ihrer Vorgesetzten. Sogar an der Autotür musste man noch an einem mechanischen Griff ziehen, um aussteigen zu können.

«Guten Morgen, Maya!», warf Alex der groß gewachsenen, Ende 30-jährigen Frau entgegen, die gerade aus dem Auto kletterte.

«Morgen», brummelte diese und warf sich eine abgetragene, schwarze Lederjacke über, unter der sie ihre Dienstwaffe vor oberflächlichen Blicken verbergen konnte. «Tut mir leid für die Verspätung. Ich wollte eigentlich pünktlich losfahren, aber die Solarzelle auf dem Wagen hat sich schon wieder gelöst gehabt…» Maya wartete keine Antwort ab, sondern fuhr mit einem Kopfnicken in Richtung des Mehrfamilienhauses vor ihnen fort: «Da wären wir also. Einbruch, Kindesentführung, aller Wahrscheinlichkeit nach heute Nacht. Die Mutter alarmierte heute Morgen gegen halb sechs die Polizei. Bist du soweit? Dann lass’ uns das doch einmal ansehen.» Mit diesen Worten marschierte sie an ihrer jungen Kollegin vorbei und auf die Haustür zu.

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