[Erzählung] Der Talisman

Klappentext & Content Notice

Kurzgeschichte, Fantasy

Ronja ist am Boden zerstört, als ihr Mann Johann in den Krieg ziehen muss. Ein geheimnisvoller Talisman ist ihre letzte Hoffnung. Doch die schwarze Magie birgt viele Gefahren…

[CN: Krieg, Tod]

Der Ring

Ronja spürte, wie die erste Träne ihre Wange hinablief. Energisch wischte sie sich mit dem Ärmel über ihr Gesicht. Der Abschied war schon schwer genug, heulen konnte sie auch danach. Notdürftig richtete sie ihre etwas aufgelöste Frisur, bevor sie sich zu den anderen nach draußen gesellte.

Mitten im Hof stand der Hengst Ludwig, bereits gesattelt und aufgetrenst. Johann war gerade dabei, sein restliches Gepäck in den Satteltaschen zu verstauen und mit geübten Griffen zu verschnallen. Seine Bewegungen strahlten Ruhe und Gelassenheit aus. Da Johann ihr den Rücken zudrehte, verharrte Ronja in einiger Entfernung und saugte diesen letzten Anblick ihres Mannes geradezu in sich auf. Offenbar hatte er Ronjas Anwesenheit jedoch längst bemerkt, denn als alle Riemen festgezurrt waren, drehte er sich zu ihr um und bereitete die Arme aus. Wie in Trance lief sie auf ihn zu und legte den Kopf an seine Brust.

“Versprich mir, dass du zurückkommst.” Mit ihrer Stimme spürte Ronja ein Schluchzen in ihrer Kehle aufsteigen, das sie mit aller Kraft zurückdrängte.

“Du weißt, ich würde dich niemals allein lassen.” Johanns Hand strich sanft über ihre Haare.
Ronja hob den Kopf an, um ihm ins Gesicht zu blicken. “Bitte nimm das. Trage ihn als deinen Talisman. Tust du das für mich?”

Mit diesen Worten drückte sie ihm einen dezent verzierten, goldenen Ring in die Handfläche. Ein zweiter Blick verriet Johann, dass es sich um ein Erbstück handelte. Es war das einzige, das seine Frau noch von ihrer viel zu früh verstorbenen Mutter besaß.

“Ronja, nein. Das kann ich nicht annehmen. Ich weiß, wie viel dir dieser Ring bedeutet. Außerdem weißt du doch, dass ich nicht an solche Dinge glaube.”

“Bitte. Wenn ich den Ring bei dir weiß, fühlt sich die Entfernung nicht ganz so groß an. Tu es deiner hysterischen Frau zuliebe.”

In Johanns Augenwinkeln zeichnete sich ein trauriges Lächeln ab. Ronja war alles andere als hysterisch. Mit diesem scherzhaften Ausdruck versuchte sie nur, ihre eigene Angst zu überspielen, das war offensichtlich. Seine Finger schlossen sich um das warme Metall. “Wenn es dir so wichtig ist, werde ich den Ring bei mir tragen.”

In der Ferne erklang ein scharfer Pfiff. Johann schloss Ronja noch einmal in die Arme und drückte ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn. Dann drehte er sich um und ergriff die Zügel des Pferdes.

“Der Krieg wartet nicht. Mach dir keine Sorgen, wir werden uns bald wieder sehen!” Mit diesen Worten schwang er sich in den Sattel. In seiner Rechten hielt er noch immer den Ring seiner Frau. Er schloss seine Finger zur Faust und führte sie zu seinen Lippen, dann winkte er damit seinen Abschied.

Als sie Johan zum Tor hinausreiten sah, konnte Ronja ihr Schluchzen nicht mehr unterdrücken. Es war, als würde ein Teil ihres Selbst auf dem Pferderücken sitzen.

Das Ritual

Vier Monate waren vergangen, seit ihr Gatte in den Krieg gezogen war. Ronja hatte ihren Geist mit allerlei Dingen beschäftigt, um bloß nicht in ihren Sorgen um Johann zu versinken. Umso schwerer sie tagsüber arbeitete, desto mehr Erholung verlangte ihr Körper zur Ruhezeit. Dennoch überwogen die schlaflosen Nächte, in denen sie aus schrecklichen Alpträumen hochschreckte, schweißgebadet, nur um festzustellen, dass der Schlafplatz neben ihr tatsächlich verwaist war.

Eines Nachts hielt es Ronja nicht länger aus. Der Mond stand hell am schwarzen Himmel und warf sein fahles Licht durch das Fenster aufs Bett. Die Sorgen hatten sich tief in ihr Inneres gefressen und erlaubten ihr keinen Moment der Ruhe. Unaufhörlich kreisten ihre Gedanken um Johann, malten die schrecklichsten Bilder und erwarteten zugleich, dass er jeden Moment auf den Hof geritten käme.

Vom Schmerz getrieben griff Ronja nach einer kleinen, seltsam verzierten Truhe aus Ebenholz, die sie unter ihren Kleidern verborgen hatte. Ihre zitternden Finger brauchten mehrere Versuche, um den feinen Verschluss zu öffnen, doch schließlich klappte der Deckel zurück und offenbarte fünf schneeweiße Kerzen, die im Mondlicht glänzten. Vorsichtig nahm Ronja sie aus der Truhe, stellte sie in einem Kreis auf den Boden und zündete sie an. Dann griff sie nach dem silbernen Dolch, der unter den Kerzen zum Vorschein gekommen war, und legte ihn in ihre Handfläche. Sie biss die Zähne zusammen, als die scharfe Klinge ihre Haut durchschnitt. Im nächsten Moment sammelte sich das im Kerzenschein dunkelrot schimmernde Blut in den Furchen ihrer Haut und drohte, auf ihren Rock zu tropfen. Schnell presste Ronja ihre Handflächen zusammen und begann, die Kerzen mit Linien auf dem Boden miteinander zu verbinden. Zuletzt malte sie mit ihrem eigenen Blut ein Zeichen aus mehreren geschwungenen Bögen in die Mitte, bevor sie sich notdürftig einen Stofffetzen um die verletzte Hand wickelte. Sie schloss die Augen und flüsterte mit zitternder Stimme die Formel, deren Worte in ihrem Gedächtnis eingebrannt waren, obgleich sie sie noch nie laut ausgesprochen hatte.

Vor Ronjas Augen begannen schwarze Punkte zu tanzen und die Wände schienen sich seltsamerweise auf sie zuzubewegen. Der Raum fing an, sich um sie herum zu drehen, immer schneller, und Ronja schmeckte bittere Magensäure auf ihrer Zunge, die Übelkeit nahm Überhand. Sie spürte noch, wie ihr gefühlloser Körper in sich zusammensackte, bevor ihr Geist in eine tiefe Finsternis hineingezogen wurde.

Im nächsten Moment blickte Ronja in das sorgenvolle Gesicht ihres Mannes. Johann kniete auf dem Boden, seine Kleidung war zerrissen und schmutzig, an einigen Stellen war zweifellos Blut eingetrocknet – hoffentlich nicht sein eigenes. Ronja hob die Hand, um sein Gesicht zu berühren, ihn zu trösten, doch sie unterbrach die Bewegung. Jeder Versuch wäre sinnlos, es war keine Berührung möglich, ebenso wenig, wie Johann sie wahrnehmen konnte, darüber war sie sich im Klaren.

Erst jetzt bemerkte Ronja, dass Johann mit leerem Blick seine Handflächen anstarrte, in denen der Ring lag, den sie ihm mitgegeben hatte. Für ihn bloß ein Talisman, für sie der Anker ihres Geistes, ohne den der Dissociationszauber nicht möglich gewesen wäre. Denn für den Dissociatio Animi benötigte die Seele stets einen Gegenstand, an den sie gebunden wurde, um zu verhindern, dass sie sich in den unendlichen Gefilden des Daseins verirrte. Ronja wusste, sie würde den Zauber nicht allzu lange aufrecht erhalten können, denn um in ihren Körper zurückzukehren, musste dieser genug Kraft aufbringen. Doch sie hatte erreicht, wofür sie gekommen war: Die Gewissheit um Johanns Leben und um seine weitgehende Unversehrtheit. Wie ein Häufchen Elend kniete ihr Mann dort auf dem Boden, die Verzweiflung sprach aus seinem ganzen Körper. Was wünschte sie sich, seine Berührung zu spüren und mit ihm zu sprechen! Doch das war schlichtweg unmöglich.

Schweren Herzens riss sich Ronja los und konzentrierte sich auf ihren eigenen Körper. Es ging leichter als erwartet und im nächsten Augenblick hob Ronja ihr blutverschmiertes Gesicht vom rauen Holzboden ihrer Schlafkammer.

Ronja war unglaublich erleichtert, dass der Zauber auf Anhieb gelungen war. Der Anblick ihres Mannes – lebendig und intakt – beflügelte ihr die darauffolgenden Tage. Von einem Teil ihrer Sorgen befreit fand sie sogar wieder etwas Erholung im nächtlichen Schlaf.

Doch die Freude wich viel zu schnell den erneuten Sorgen. Was, wenn in der Zwischenzeit etwas passiert war? Johanns Augen hatten so traurig ausgesehen… was, wenn er eine Vorahnung hatte?

So verging nicht viel Zeit, bis Ronja erneut die dunkle Truhe aus ihrem Versteck holte. Der inzwischen abnehmende Mond und eine beständige Wolkendecke machten die Nacht ungewöhnlich finster, doch die nötigen Handgriffe waren ihr inzwischen vertraut. Den Schmerz der silberfarbenen Klinge spürte sie kaum und die Beschwörungsformel ging ihr viel leichter von den Lippen als beim ersten Mal. Im Nu begrüßte sie den Strudel der Finsternis, der sie in eine andere Daseinswelt zog.

Diesmal fand sich Ronja auf einem nächtlichen Schlachtfeld wieder. Um sie herum war alles still bis auf eine kleine Gruppe von Männern, die sich inmitten der Leichenberge befanden. Ihre Augen glänzten müde im Fackelschein. Einige standen in einem zerstreuten Halbkreis um ein paar wenige herum, die auf dem Boden knieten. Der Schreck ließ Ronja erstarren, als sie erkannte, dass Johann darunter war. Die schmutzigen Gesichter der am Boden kauernden Männer waren zu schrecklichen Fratzen verzerrt, in denen sich die pure Verzweiflung spiegelte. Der Kommandant der größeren Gruppe rief etwas, doch die Worte klangen seltsam fremd in Ronjas Ohren. Als niemand reagierte, trat er Johann grob in den Rücken, sodass dieser mit dem Gesicht im Dreck landete, dann sprach er weiter.

Ronja war in ihrer Machtlosigkeit der stillen Zuschauerin erstarrt, unfähig, auch nur einen Gedanken zu fassen. Sie konnte nicht glauben, wovon sie in diesem Augenblick Zeugin wurde.

Die Ansprache des Kommandanten wurde von zustimmendem Gemurmel der Umherstehenden begleitet. Schließlich zog er sein Schwert und stellte sich hinter den ersten der auf der Erde knienden Männer. Die Klinge blitzte im Fackelschein auf, nur für einen Augenblick, und fuhr dann herunter.

Ronjas Panik brach heraus. Schreiend warf sie sich dazwischen, doch in ihrer geisterhaften Form konnte sie keinen Kontakt zu den weltlichen Geschöpfen aufnehmen.

Der Henker folgte der Reihe und im nächsten Augenblick fiel auch der Körper des zweiten Gefangenen leblos zu Boden. Ronja raste und warf sich auf den feindlichen Kommandanten, doch niemand der Männer bemerkte überhaupt ihre Anwesenheit. NEIN! NEIN! NEIN! JOHANN! NEIN! Sie wollte schreien, brüllen, doch noch immer verließ kein Laut Ronjas Lippen.

Der Anblick ihres Mannes, der hilflos zusammenbrach, nahm ihr wortwörtlich den Boden unter den Füßen. Sie fiel auf ihn und wollte sein Gesicht auffangen, ihn trösten, ihn ein letztes Mal küssen, doch ihre Hände griffen einfach durch den Körper hindurch. Nicht einmal weinen konnte sie, nur eine tiefe, dunkle, bodenlose Trauer grub sich in ihr Innerstes.

Der Schrei brach schließlich hervor und zerriss ihren Geist.

Ronja bemerkte nicht, wie sich die feindlichen Soldaten zurückzogen und die Leichen auf dem blutgetränkten Feld zurückließen. Sie bemerkte auch nicht, wie die Sonne langsam aufging und die schreckliche Szenerie in ein warmes Morgenlicht hüllte.

Der Geist

Etwa zur selben Zeit fand die Magd Ronjas geistlosen Körper auf dem Boden ihrer Kammer. Sie war nicht tot, ihre Augen waren sogar geöffnet, doch die einst so lebhafte junge Frau war nur noch eine leere Hülle. Keiner konnte wissen, dass ihr Geist noch immer ziellos auf den Schlachtfeldern umherirrte, gefangen von der Tat eines ihr unbekannten Mannes, deren ungebetene Zeugin sie geworden war.


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[Review] Dragon’s Dogma | Netflix

Titel:Dragon’s Dogma
Publisher:Netflix
Produktion:Shinya Sugai, Tomohisa Nishimura, Kurasumi Sunayama
Erstveröffentlichung:17. September 2020

Dragon’s Dogma – Offizieller Trailer

Dragon’s Dogma | Official Trailer | Netflix

Dragon’s Dogma zwischen Anime & CGI

Mit der Ankündigung von Dragon’s Dogma löste Netflix im vergangenen Jahr einen großen Hype in einer kleinen Ecke der Gamingcommunity aus. Endlich nahm sich jemand dem Liebhabertitel Dragon’s Dogma an, der seit seiner Veröffentlichung im Jahr 2012 immer ein Stück weit hinter den nur wenige Monate zuvor publizierten Fantasy-RPG-Meilensteinen The Elder Scrolls V: Skyrim und Dark Souls zurückstand.

Capcoms Videospiel war keine große Revolution, überzeugte aber als Action-RPG mit einer packenden Story, authentischen Quests, einem Companionsystem und einer elaborierten Kampftechnik, die sich überwiegend auf riesige Gegner stützt, an denen sich die Spieler*innenfigur unter anderem festhalten und hochklettern kann. Abgesehen von den individuellen Pawns, den nichtmenschlichen Beschützern des «Arisen», von denen einer selbst erstellt und zwei weitere von anderen Spielern «ausgeliehen» werden, verbindet Dragon’s Dogma das komplexe Erkundungs- und Questschema aus Skyrim mit Dark Souls’ anspruchsvollen und Abwechslungsreichen Kampfsystem.

So viel zur Vorlage – die Frage hier lautet nun: Kann der Netflix-Anime mit Capcoms Game mithalten? Ist der Titel auf die Fanbase zugeschnitten oder spricht er eine weite Zuschauerschaft an? Stöbert man ein wenig durch die Rezensionen im Netz, so schlagen einem überwiegend gemischte Gefühle und viel Enttäuschung entgegen. Diese Einstellung teile ich allerdings nur bedingt.

Der Protagonist Ethan, ein introvertierter junger Mann, ist im Fischerdorf Cassardis zuhause, das gleich in der ersten Folge von einem Drachen verwüstet wird – dem ersten seit über 100 Jahren! Doch der Drache ist eigentlich nur aus dem einen Grund gekommen, Ethan das Herz zu stehlen, im wortwörtlichen Sinne, was diesen zu einem «Arisen» macht. Soweit orientiert sich die Ausgangssituation beinahe Haargenau an der spielerischen Vorlage, mit dem einzigen Unterschied, dass der Avatar dort eine durch die Spielenden erstellte und personalisierte Figur ist. In der Serie wird dem Protagonisten Ethan in dieser ersten Episode mit Frau und Kind bereits alles genommen und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich mit seinem Pawn Hannah, einer Art emotionslosem Sidekick, auf einen langen Rachefeldzug zu begeben, um den Drachen letztendlich niederzustrecken und die Menschen zu beschützen. Erklärt wird das Ganze im Anime nur allerdings sehr vage, was aus der Perspektive eines Publikums, das mit dem Universum nicht schon aus dem Game vertraut ist, eher wie ein Plothole wirken mag. Der im Verlauf der Serie mehrmals wiederholte Catchphrase des Drachen dagegen bringt die gesamte Storyline auf den Punkt: «When thou peers into the dark, the dark peers into thee.»

Von der eigentlichen Heldenreise, die nun beginnt, können die Zuschauenden nur fünf kurze Episoden miterleben, bis das Duo in der finalen siebten Folge endlich dem langersehnten Drachen gegenübersteht. Im Großen und Ganzen orientiert sich die Handlung weiterhin sehr stark am Spiel, wirkt aber wie eine abgespeckte und maximal gekürzte Version davon. Die Höhepunkte der kurzen Abschnitte stellen stets die aufwändigen Kampfszenen mit zumeist riesigen Gegnern dar, welche dem Videospiel unmittelbar entsprungen zu sein scheinen. Die phrasenhaften Dialoge werden dagegen eher mechanisch abgespult und dienen primär dazu, den stereotypischen Nebencharakteren genug Charakter zu verleihen, um sie letztendlich effektvoll in ihr jeweils ganz eigenes menschliches Versagen rennen zu lassen.

Das Hauptthema der Netflix-Serie stellen schließlich die Todsünden dar, was mit einem Blick auf die Titel der sieben Episoden nicht schwer zu erkennen ist: Wrath, Gluttony, Envy, Sloth, Greed, Lust und Pride. Leider bleibt auch für die Protagonisten Ethan und Hannah selbst nicht viel authentische Persönlichkeit übrig, doch diese Tatsache fügt sich erstaunlich gut in den auch sonst überwiegend minimalistischen Stil des Animes. Die Dynamik zwischen den beiden und ihre jeweilige Charakterentwicklung sind zwar vorhersehbar und spitzen sich auf das Finale hin zu, tragen aber gewissermaßen die gesamte Handlung und sorgen auf diese Weise für den notwendigen Grad an Unterhaltung.

Das Auffälligste – und auch zuhauf Kritisierte – an Netflix’ Dragon’s Dogma ist die Mischung eines klassischen, sehr kargen Anime-Zeichenstils mit sogenannter Computer Generated Imagery (CGI), also der computerbasierten Generierung von 3D-Elementen, wie sie in Videospielen üblich ist. Diese wird in der Serie in erster Linie eingesetzt, um die monsterhaften Gegner darzustellen. Wer das Spiel kennt, erlebt hier zahlreiche Déja-vus, denn ob Zyklop, Greif, Lich oder der Drache selbst, alle entstammen sie präzise der Gaming-Vorlage, was nicht nur CGI und Graphik, sondern auch Details wie bestimmte körperliche Merkmale einschließt. Viele mögen hier die im Gesamten uneinheitlich und mitunter klobig wirkenden Animationen kritisieren. Ich selbst sehe darin allerdings eine gewagte, aber durchaus gelungene Synthese zweier Medien, die mich als Zuschauende immer wieder in Momente des Spiels zurückversetzt – und das rein über die visuelle Darstellung. Nicht zuletzt spielt an diesem Punkt der finale Kampf mit dem Drachen eine maßgebliche Rolle, der beinahe die gesamte letzte Folge vereinnahmt und in den verschiedenen erzählerischen Abschnitten detailgenau den spielerischen Endkampf wiedergibt.

Wird Netflix’ Dragon’s Dogma der Vorlage gerecht?

Die kurze Antwort auf die Frage, ob Netflix’ Dragon’s Dogma der Spielvorlage gerecht wird, lautet: Nein.

Doch eine solch einfache Feststellung kann der Frage niemals gerecht werden. Schließlich stellt sich mit dem Videospiel und der Webserie der Vergleich zweier Genres, die kaum auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden können. Wo sich Capcoms Game durch seinen hohen Grad an Interaktion, seine komplexe Story und das ausgearbeitete Kampfsystem auszeichnet, wählten die Entwickler der Serie einen völlig anderen Ansatz. So spielt das menschliche Versagen zwar auch im Spiel eine ganz grundlegende Rolle, wird in der Serie jedoch zum tragenden Thema. Jede Folge ist einer Sünde gewidmet, was stets einen schalen, bedrückenden Nachgeschmack hinterlässt. Aber: Genau darin liegt das Potential des Animes.

Trotz der einfachen Erzählstrukturen und stereotypischen Charaktere entsteht eine Atmosphäre, welche die menschliche Gesellschaft erschreckend treffend widerspiegelt. Die Handlung folgt bei aller Simplizität einem kohärenten Erzählstrang mit klassischem Spannungsbogen. Dabei verfügen die Charaktere der Protagonisten zwar über nicht sonderlich viel Tiefe, wirken aber dennoch durchaus sympathisch, was schließlich auch ihre persönlichen Konflikte greifbar werden lässt. Wer außerdem das Game kennt, wird auch den unwiderruflichen Twist der Serie schnell erahnen können – dennoch verleihen die Entwickler den Figuren zum Ende hin genug Eigendynamik, um ihnen ein erinnerungswertes Finale zu verpassen.

Im Gesamten ist Dragon’s Dogma auf jeden Fall sehenswert, unabhängig davon, ob man sich zur Fanbase des Videospiels zählt oder mit dem Universum noch nicht vertraut ist. Es handelt sich bei Dragon’s Dogma um alles andere als leichte Kost, denn bei aller Einfachheit werden sehr düstere und ernste Thematiken angesprochen. Letztendlich wird das Publikum von der minimalistischen Handlung allgemein und vom Drachen explizit dazu aufgefordert, die eigenen Abgründe und die Dynamik des menschlichen Zusammenlebens zu hinterfragen. Dies mag zwar aus einer philosophischen Sicht relativ banal sein, regt aber nichtsdestotrotz zum Nachdenken an.

When thou peers into the dark, the dark peers into thee.

Kurz & Bündig

PositivNegativ
ErzählstilMinimalistisch ★
SpannungRelativ vorhersehbar ☆
CharaktereStereotypisch ☆
SettingNostalgisch ★
HandlungEinfach, aber ansprechend ★

Bewertung: ★ ★ ★ ☆ ☆


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[Rezension] “Truly Devious” von Maureen Johnson

Titel der Reihe:Truly Devious / dt: Ellingham Academy
Buchtitel:#1 Truly Devious (2018) / dt: Was geschah mit Alice?
#2 The Vanishing Stair (2019) / dt: Die geheimnisvolle Treppe
#3 The Hand on the Wall (2020)
Autorin:Maureen Johnson
Verlag:Harper Collins / dt: Loewe

A Truly Devious Blurb | Klappentext

Buchcover: Truly Devious by Maureen Johnson
Truly Devious by Maureen Johnson

Ellingham Academy is a famous private school in Vermont for the brightest thinkers, inventors, and artists.

It was founded by Albert Ellingham, an early twentieth century tycoon, who wanted to make a wonderful place full of riddles, twisting pathways, and gardens. «A place,» he said, «where learning is a game.»

Shortly after the school opened, his wife and daughter were kidnapped. The only real clue was a mocking riddle listing methods of murder, signed with the frightening pseudonym «Truly, Devious.» It became one of the great unsolved crimes of American history.

True-crime aficionado Stevie Bell is set to begin her first year at Ellingham Academy, and she has an ambitious plan: She will solve this cold case. That is, she will solve the case when she gets a grip on her demanding new school life and her housemates: the inventor, the novelist, the actor, the artist, and the jokester. But something strange is happening. Truly Devious makes a surprise return, and death revisits Ellingham Academy. The past has crawled out of its grave. Someone has gotten away with murder.


Willkommen in der Ellingham Academy!

Versteckt in den Bergen Vermonts ist die Privatschule der ideale Ort für die begabtesten Schüler des Landes – Bestsellerautoren, YouTube-Stars, Künstler, Erfinder. Doch das Internat umgibt eine tragische Geschichte. Vor mehr als 80 Jahren wurden Frau und Tochter des Schulgründers entführt. Genau deshalb wird Stevie Bell an der Akademie aufgenommen: Sie soll die bisher ungeklärte Ellingham-Affäre lösen.

Und schon bald erhält sie eine mysteriöse Botschaft, die einen Mord ankündigt. Als ein Schüler kurz darauf tot aufgefunden wird, ist Stevie überzeugt, dass es einen Zusammenhang zwischen diesem Todesfall und den Verbrechen aus der Vergangenheit gibt.

Stevie Bell ist großer Fan von Sherlock Holmes und Agatha Christie. Aber noch viel mehr begeistern sie reale Kriminalfälle – wie die bisher ungelöste Ellingham-Affäre. Als Schülerin der exklusiven Ellingham Academy kann sie endlich selbst am Schauplatz der legendären Entführung ermitteln. Doch als ein Mitschüler ums Leben kommt, muss Stevie nicht nur das Verbrechen von damals aufklären.

The Vanishing Opinion | Meinung

Buchcover: The Vanishing Stair by Maureen Johnson
The Vanishing Stair by Maureen Johnson

Erst Anfang dieses Jahres, 2020, erschien der dritte Teil von Maureen Johnsons Truly Devious–Reihe unter dem Titel The Hand on the Wall. Zu meinem eigenen Glück war es auch erst kurze Zeit später, dass ich durch die Lektüreempfehlung einer Freundin überhaupt auf diese faszinierende Reihe gestoßen bin. Denn: Wer Spannung sucht, wird hier mehr als fündig. Ich habe alle drei Bände in nur wenigen Tagen verschlungen und war so gebannt, dass ich sie kaum aus der Hand legen konnte.

Truly Devious ist ein Mystery-Krimi, der sich stilistisch ganz klar an den Klassikern à la Arthur Conan Doyle und Agatha Christie orientiert. Dieses Motiv durchzieht die Erzählung auch inhaltlich als dicker, roter Faden, denn die überaus sympathische Protagonistin Stevie ist nicht nur selbst ein True Crime-Nerd, sondern eifert auch ganz offen den legendären Detektiven Sherlock Holmes und Hercule Poirot nach. Und natürlich dreht sich alles um einen legendären und ungelösten Kriminalfall, ein Mysterium, das in den 30er und 40er Jahren das ganze Land in Atem hielt – und dem sich Stevie mit ganzem Herzen verschrieben hat.

Doch um überhaupt erst in die Nähe des historischen Tatortes zu gelangen, einer legendären Eliteschule tief in den Bergen Vermonts, muss sich die High School-Schülerin erst einmal für ebenjene Schule qualifizieren. Glücklicherweise ist es das Paradigma der Ellingham Academy, nicht nur die besten, sondern die herausragendsten Jugendlichen aufzunehmen, völlig unabhängig von deren finanziellem, gesellschaftlichem oder kulturellem Hintergrund.

Spätestens hier offenbart sich, wie umfassend die Diversität in der Romanreihe vertreten ist. Die bunte Truppe an Schüler*innen, die sich inmitten dieses idyllischen Schauplatzes versammelt, setzt sich einerseits aus allen erdenklichen Charakterzügen und Eigenschaften zusammen, und zwar von der absoluten Intro- bis zur exzessiven Extroversion, von Technik-Genies bis zu angehenden Schauspielenden und vom IT-Geek (David) über die schräge Künstlerin (Ellie) bis zum eigenbrötlerischen Autor (Nate), der allerdings unter einer Schreibblockade leidet. Nein, auch sämtliche Behinderungen, geschlechtliche Identitäten und sexuelle Orientierungen sowie kulturelle Hintergründe haben ihren Platz in Ellingham. So hadert nicht nur Stevie selbst immer wieder mit ihrem weiblichen Körper, auch ihre beste Freundin Janelle ist Schwarz, lesbisch und in einer Beziehung mit der nichtbinären Vi. An dieser Stelle könnte man jede einzelne Figur beleuchten. Dabei herrscht unter allen Bewohnenden der Schule ein herzliches und inklusives Miteinander, denn alle verbindet eine aufopferungsvolle Hingabe zu einer bestimmten Sache, die sie über alle Maßen fasziniert – sei dies Literatur, Technik, IT, Kunst, Journalismus, Medizin oder, oder, oder…

Das Stichwort der Diversität umfasst allerdings noch mehr: Auch das neurodiverse Spektrum wird in Truly Devious abgedeckt. Stevie selbst leidet etwa unter heftigen Panikattacken, die sie bisweilen sogar mit starken Medikamenten behandeln muss, ist außerdem sehr introvertiert und hat eine offensichtliche Sozialphobie. In der Ellingham Academy gelingt es ihr mit Janelle, Vi, Ellie, Nate und David zum ersten Mal in ihrem Leben, richtige, tiefe Freundschaften aufzubauen. Dies liegt nicht zuletzt an der grundlegenden Fähigkeit aller, jedweden Eigenschaften mit einer normalisierenden Natürlichkeit zu begegnen. Denn jede*r Einzelne hat seine eigenen Ecken und Kanten, Probleme, Ängste, Wünsche, Hintergründe und Geheimnisse, was jedem Charakter in der Erzählung eine unbeschreibliche Komplexität verleiht.

Mit dem malerischen Setting und der bunten Besetzung ist der Rahmen abgesteckt, in dem sich das eigentliche Mysterium verbirgt: Das Verschwinden der Tochter des Schulgründers Albert Ellingham und die Morde an dessen Ehefrau sowie der Schülerin Dolores Epstein im Jahr 1936. Ein mittelmäßig gereimter Drohbrief, den Ellingham kurz vor der Tat erhielt, ist mit dem mysteriösen Pseudonym «Truly, Devious» unterschrieben, der gesamte Fall bis heute ungeklärt. Ganz im Stil eines klassischen Mysterykrimis beginnt das große Rätselraten und Kombinieren aus der Perspektive der selbsternannten Detektivin Stevie, die zwischen ihrer Rolle als Schülerin und ihrer Obsession des Truly Devious-Falles hin und her jongliert. Eine Mischung, die so authentisch wirkt, dass die Identifikation mit der jungen Protagonistin auf ganzer Linie spielend leicht fällt.

Was der Romanreihe jedoch eine Extraportion Würze verleiht – und sie ganz nebenbei von den klassischen Gattungsvertretern abhebt –, ist der zweite, historische Erzählstrang. Die chronologisch voranschreitenden Abenteuer und Erlebnisse Stevies in der Gegenwart werden nämlich immer wieder von Erzählschnipseln unterbrochen, in denen die Lesenden die Geschehnisse von der Gründung der Ellingham Academy bis zum Tod Albert Ellinghams aus den unterschiedlichen Blickwinkeln der beteiligten Personen miterleben. So macht sich nicht nur die kombinationsstarke Protagonistin Stevie daran, das Mysterium nach und nach aufzuklären, sondern auch die Lesenden werden durch die lückenhaften Überlieferungen dazu angeregt, die Hinweise zusammenzufügen und das Rätsel zu lösen. Die Spannung spitzt sich dabei zu, als neben dem historischen Verbrechen auch Stevies eigene Realität von einer mysteriösen Reinkarnation Truly Devious’ auf den Kopf gestellt wird.

The Hand on the Conclusion | Fazit

Buchcover: The Hand on the Wall by Maureen Johnson
The Hand on the Wall by Maureen Johnson

Selten habe ich ein derartig ausgearbeitetes, fesselndes Mysterium erlebt, das gleichzeitig durch ein malerisches Setting und eine komplexe, vielschichtige Handlung mit überzeugenden Protagonisten besticht. Trotz der ansehnlichen Dicke der Bücher – insgesamt über 1.000 Seiten – gibt es absolut keine «Durststrecken» – ganz im Gegenteil! Die Kombination aus dem historischem mit dem aktuellem Mysterium und der konkreten Bedrohung durch einen nicht weniger mysteriösen Verbrecher, welche die bunte Truppe der ganz gewöhnlichen und zugleich absolut einzigartigen Charaktere in Atem hält, schafft eine unbeschreiblich dichte und packende Atmosphäre.

Truly Devious hat mich insgesamt völlig geplättet – auf die positive Art. Ich konnte die Romane kaum aus der Hand legen und habe nicht nur mitgeknobelt, sondern beim Lesen wortwörtlich mitgefiebert. Und das Beste: Der vierte Band der Reihe wird unter dem Titel The Box in the Woods voraussichtlich im April 2021 erscheinen!

Damit kann ich guten Gewissens eine absolute Leseempfehlung für Maureen Johnsons Truly Devious-Reihe aussprechen.

Kurz & Bündig

PositivNegativ
SchreibstilPackend ★
Spannung100% ★
CharaktereÜberzeugend ★
SettingMalerisch ★
HandlungKomplex ★

Bewertung: ★ ★ ★ ★ ★


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[Erzählung] Ich 2.0

Klappentext & Content Notice

Kurzgeschichte, Science-Fiction

Ein ganz normaler Familienvater. Ein Angebot zur Teilnahme an einem medizinischen Experiment, hervorragend vergütet. Doch als seine Welt völlig aus den Fugen gerät, bleibt ihm nur mehr eine einzige Frage: Wer bin ich?

[CN: Tod, Mord, Depression]

„Was für eine Schweinerei… was haben Sie gefunden?“

„Eine Art Abschiedsbrief.“

„Geben Sie schon her!“

The eye, like a shattered mirror, multiplies the image of sorrow.

Edgar Allen Poe

Ja, bereits Edgar Allen Poe hatte diese perverse Faszination, ein Gespräch mit einem Totgeweihten zu führen. Dazu habe ich nicht getaugt… es wurde mehr so ein Selbstgespräch. Nein, eine Botschaft… an die Menschheit:

Wir sind zu weit gegangen!

Kaum zwei Wochen ist es her, mein Leben war einfach. Bestimmt vom Alltag, von der immergleichen Routine: Meine Frau, die Tochter und der Sohn, beide gerade im Schulalter, mein Job, fünf Tage die Woche im Büro, 8 bis 17 Uhr. Doch dann fiel mir dieser Flyer in die Hände. Und, was soll ich sagen? Ich bin käuflich, ein Bänker durch und durch, und die gebotene Summe war gigantisch. Natürlich meldete ich mich dort und wurde prompt in dieses Programm aufgenommen. Worum es ging? Das wusste ich derzeit noch nicht, Top Secret haben sie es genannt.

Die Formalitäten gingen sehr schnell, ein Vertrag vor die Nase, eine Unterschrift und schon bugsierten sie mich in ein Gerät, das mich an einen Kernspintomografen erinnerte. Sie sagten mir, mein ganzer Körper müsse gescannt werden. Im Anschluss daran setzten sie mich vor eine blassgelbe Wand und ließen mich warten. Lange. In der Zwischenzeit hörte ich mich selbst reden, meine eigene Stimme in einem angrenzenden Zimmer, wie sie auf diverse Fragen antwortete. Es war ein komisches Gefühl und – bei Gott! Es verwirrte mich völlig. Hatten sie meine Stimme mit diesem Gerät kopiert? Ich erinnerte mich, beim flüchtigen Durchblättern etwas in dieser Art in dem Vertrag gelesen zu haben… wie ich bereits meine eigene Ignoranz bereute! Doch die Tür war verschlossen und mein Klopfen und meine Rufe sollten erst nach einer gefühlten Ewigkeit beantwortet werden…

Drei Tage lang verbrachte ich daraufhin in einer Art Krankenbett und wartete auf meine Entlassung. Wie sich herausstellte, hatte ich seit der Untersuchung merkwürdige motorische Schwierigkeiten, war ungelenk, und auch meine Stimme hörte sich komisch an, häufig kamen die Worte anders aus meinem Mund, als ich wollte. Ein Mann in einem weißen Mantel, offensichtlich irgendein Arzt, kam immer wieder zu mir ans Bett und stellte mir seltsame Fragen, zu meinem Leben, meiner Familie, meinen Gewohnheiten. Schließlich erklärte er mir beinahe überschwänglich, er könne es kaum fassen, es habe nach all den Versuchen endlich funktioniert!

Ich fragte nicht nach, was es denn nun eigtentlich sei. Inzwischen war mir so ziemlich alles egal, ich wollte nur noch nach Hause. Den Arzt hatte ich eindringlich gebeten, meine Frau zu informieren, denn mir selbst wollten sie kein Telefon geben, mein Handy hatte ich vor der Untersuchung abgelegt und bislang nicht wieder bekommen. Ich erwartete, dass sie mich besuchen kommen würde, doch ich sah und hörte nichts von ihr. Top Secret. Ich durfte also tatsächlich gehen und verlangte natürlich mein Geld – wenn mir etwas nach alldem zustand, dann ja wohl das! Die Reaktion dieser Idioten auf meine Forderung war jedenfalls lautes Gelächter. Ich bestand auf den Vertrag und erklärte, dass ich jederzeit bereit wäre, mein Recht auch gerichtlich einzufordern, doch ehe ich mich versah, stand ich einfach auf der Straße. An einer belebten Kreuzung, jedenfalls nicht da, wo ich vor drei Tagen geklingelt hatte. Wie genau ich dorthin kam, bleibt mir bis heute ein Rätsel, das Gelächter der Leute aus dem Versuchslabor noch immer in den Ohren. Der Versuch meine Frau anzurufen scheiterte bereits daran, dass sie mir mein Handy auch nicht wiedergegeben hatten, als sie mich vor die Tür setzten. Nach kurzer Überlegung und einem Blick auf die Uhr an der nächsten Bushaltestelle entschied ich mich, im Büro vorbeizuschauen. Das war kein weiter Fußweg und – wie sollte es auch anders sein – vermisste ich ebenfalls meine Geldbörse. Sonst war eigentlich noch alles gut, bis ich aus dem Aufzug stieg und plötzlich mir selbst gegenüber stand.

Es war kein Spiegel, sondern ein echter Körper, ein lebensgroßes Abbild, das mir glich wie ein Ei dem anderen. Diese Bastarde haben doch tatsächlich meinen Körper und mein Gehirn kopiert und in so eine Blechbüchse eingebaut. Sowas nennt sich dann wohl Android. Jedenfalls, man kann es sich denken, war es weder mir noch ihm möglich die, nennen wir es irritierten, Blicke der Kollegen zu ignorieren. Es folgte ein Gespräch mit mir selbst und ich fragte mich, ob ich selbst wirklich so dumme Antworten gebe, ständig mit meiner Hand über den Nacken fahre, mit den Füßen zapple und praktisch permanent an meinem Gesprächspartner vorbei starre. Binnen weniger Sekunden musste ich feststellen: scheiße, ja. Jedenfalls hatte mich dieses verdammte Stück Plastik die letzten drei Tage ersetzt, niemand hatte etwas gemerkt – noch nicht einmal meine Frau! Im Gegenteil, die empfand es wohl sogar als nötig, es mit dem Ding zu treiben. Meine Kinder hatten damit gespielt und sich abends etwas vorlesen lassen. Ihr werdet es mir nicht glauben, aber ich musste mir doch eingestehen, dass die Kopie wahrlich gelungen war. Ständig redeten wir zur selben Zeit, wählten sogar dieselben Worte. Meine erste Reaktion, voller Empörung vom Büro nach Hause zu laufen, teilte dieses Ding und es kennt sogar meine Kontonummer samt Geheimzahl – und hat doch tatsächlich meine vermisste Geldbörse inklusive aller Dokumente und Karten! Diese verdammten, unfähigen Idioten!

Als ich schließlich doppelt vor meiner Frau stand, offenbarte sich – endlich! – ein Unterschied in unserem Verhalten: Während das Ding unsicher vor sich hin stammelte und offensichtlich nicht mit dieser neuen Situation umzugehen wusste, regte sich in mir ein Zorn von völlig ungekannter Intensität. “Hure”, schimpfte ich sie und gab ihr die Schuld an allem. So ist es nicht verwunderlich, dass das verdammte Ding und ich uns letztendlich in einem Hotel wiederfanden. In demselben Hotel, wenigstens in unterschiedlichen Zimmern, hatte ich doch rechtzeitig geschaltet und der Rezeption einen falschen Namen genannt. Eine Woche lang versuchten wir, uns eine Art Alltag aufzubauen. Ich wollte auf jeden Fall verhindern, dass das beschissene Ding mir mein Leben klaut, doch es ließ nicht locker, verhielt sich wie ich. Also arrangierten wir uns mit dem Job, berieten abwechselnd die Kunden und versuchten, uns möglichst nie gemeinsam mit anderen Leuten im selben Raum aufzuhalten. An dieser Stelle muss ich eingestehen, der konnte das wirklich gut. Sie scheinen ihm meine ganze berufliche Erfahrung eingepflanzt zu haben, denn kein einziges Mal hätte ich anders reagiert. Wenn auch unfreiwillig, konnte ich nun beobachten, wie ich auf andere wirke, wie es ist mit mir zu diskutieren, welche Ticks ich habe – und wie unfassbar austauschbar ich bin.

„Herr Kommissar?“

„Ja?“

„Das Labor hat angerufen, die wollen Sie sprechen.“

„Sagen Sie ihnen, ich rufe gleich zurück.
Ich muss das hier erst noch zu Ende lesen.“

Depressionen sind hinterhältig. Plötzlich sind sie da und reißen einen in ein Loch, tief und schwarz und ohne Entkommen. Ich kann so nicht weiterleben. Alles, was ich war, ist vor meinen Augen verblasst, nichts ist mir geblieben außer der Einsicht, wie widerlich ich mich verhalten habe und es noch immer tue. Das Ding muss weg. Da ich diesen Gedanken habe, muss es ihn wohl auch haben. Natürlich hat es ihn. Es reicht nicht, an einen anderen Ort zu gehen, es würde mir folgen und mich einholen, das ist mir nun bewusst. Ohne Entkommen. Naja, eine Möglichkeit. Ich muss es beenden, bevor es es tut. Aber wie kann ich mich selbst hintergehen?

Es ist gar nicht so schwer: Eine kurze Nachricht, die mich allen Zorn vergessen lässt. Eine Nachricht von einer Person, die ich glaubte zu lieben. Ich besorge mir eine Waffe von der Abfindung für die Teilnahme an dem Experiment. Das Geld ist wirklich auf meinem Konto und es reicht für eine schöne kleine 44er auf dem Schwarzmarkt. Mit der bedrohlichen Waffe am Kopf bleibt meiner ach so weinenden und flehenden Frau nichts anderes übrig, als das Ding anzurufen und unter einem Vorwand zu bitten, nach Hause zu kommen. Die Wartezeit verging im Fluge bis die Klingel ertönt. Sie öffnet schluchzend die Tür und fällt ihm doch tatsächlich in den Arm. Ich drücke ab, immer und immer wieder, bis die Waffe nur noch ein metallisches Klicken von sich gibt. Da liegen sie beide auf den hellen Fließen, in einer sich rasch ausbreitenden Blutlache: Das Ding, das ich sein wollte, und diese verräterische Schlange, die sich für dieses Etwas entschieden hat.

Das war es. Meine Familie. Zerstört. Mein Leben. Vorbei.

Und ich ?

„Herr Kommissar?“

„Was ist denn, verdammt?!“

„Das Auge! Solange es leuchtet, zeichnet es alles auf.“


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Fangen wir von vorne an.

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Zwei junge Kater sitzen elegant nebeneinander und blicken in die Kamera.
Mephisto und Luzifer

Pawstorms, oder auch Paw und Storms, das sind wir, die beiden Gründer*innen des Blogs. Wir lieben Katzen, besonders unsere beiden Teufelskater Mephisto und Luzifer. Was noch? Natürlich Geschichten. Geschichten aller Art, und zwar in den unterschiedlichsten Erzählformaten, dort sind wird zuhause. Ob Bücher, Hörbücher, Filme, Serien, Spiele, irgendwas dazwischen oder alles auf einmal, das ist unser Terrain. Geschichten erfinden, erzählen und erleben – um diese Stichworte dreht sich Pawstorms. Seid gespannt!

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Ich habe es bereits erwähnt, oder? Wir lieben Geschichten. Und ganz nach Toni Morrisons Motto schreiben wir sie auch gerne selbst. An dieser Stelle geht unser Dank an die wunderbare Community von Belletristica, die es schon tausend Mal geschafft hat, uns zu inspirieren. Ganz in diesem Sinne findet Ihr unter der Kategorie Geschichten unsere eigenen Erzählungen, Gedichte, Fiktionen. Unsere Lieblingsgenres sind Fantasy und Science-Fiction, Krimis und Thriller, aber in unseren Texten probieren wir gerne die unterschiedlichsten Themen und Schreibstile aus.

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