Lola Randl: Die Krone der Schöpfung

[Rezension] “Die Krone der Schöpfung” von Lola Randl

Titel:Die Krone der Schöpfung
Autorin:Lola Randl
Veröffentlichung:2. September 2020
Verlag:Matthes & Seitz Berlin

Klappentext | Die Krone der Schöpfung

Hier, im abgeschiedenen Dorf in der Uckermark, glaubte Lola Randl einst, den Neurosen der Städter zu entkommen. Doch als sich ein neuartiger Virus mit kronenartigen Zacken über den gesamten Erdball ausbreitet, stellt sich die Frage, wie abgeschieden man her draußen wirklich ist. Von Fieber und Husten heimgesucht, entwickelt sie neuerdings dieses seltsame Verlangen nach Fleisch…

Zugleich wahr und frei erfunden

«Wenn Sie das hier lesen, wird das Gröbste schon vorbei sein. Vielleicht wird es aber auch erst noch kommen.» (S. 5) Mit diesen Worten beginnt Lola Randl ihren humorvollen Roman Die Krone der Schöpfung. Als ich diese einleitenden Sätze zum ersten Mal gelesen habe, Anfang Dezember des verrückten Jahres 2020, da bahnte sich das – zumindest bisher – Gröbste gerade so richtig an. Denn wie die Anspielung im aktuellsten Kontext vermuten lässt, handelt Die Krone der Schöpfung von der Covid-19-Pandemie im Frühjahr und Sommer 2020.

Die namenlose Protagonistin, der man jedoch nicht zuletzt unter Berücksichtigung des Klappentextes den ein oder anderen autobiographischen Zug unterstellen darf, lebt mit ihrer Mutter, ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern in einem abgelegenen Dorf in Brandenburg. Die Bewohner dort befinden sich im Frühjahr lange in einer Blase, in die zwar beängstigende Nachrichten aus der «Zivilisation» dringen, die aber zugleich keinerlei Berührungspunkte mit dem berüchtigten Virus hat, was jenes lediglich zu einer nicht greifbaren, vagen und vor allem düsteren Bedrohung stilisiert – mehr Schein als Sein. Doch das ruhige Landleben wird zunehmend in Aufruhr gebracht, als sich immer mehr Stadtflüchtige in das Dorf der Erzählerin verirren und schließlich gar der offizielle Lockdown angeordnet wird.

Dieser durchaus realistische und authentische Kontext stellt dabei lediglich den erzählerischen Rahmen für jenen hochaktuellen Roman dar. Denn bei Die Krone der Schöpfung handelt es sich keinesfalls um eine Art akkuraten Erlebnisbericht der Corona-Pandemie. Viel mehr gelingt es Lola Randl in ihrem Roman, ihre eigenen, persönlichen und subjektiven Eindrücke der Ausnahmesituation in bildgewaltige Worte zu fassen. Wie sie bereits im Prolog ankündigt, ist die Handlung der Krone der Schöpfung «von ihr, also der Erzählerin, gehört, gelesen, erlebt oder ausgedacht worden» (S. 5). Des Weiteren verzichtet sie laut eigener Aussage auch bei den primär informativen Passagen des Textes auf «stichfeste Quellenangaben», da «aufgrund der Komplexität der Lage eine streng wissenschaftliche Herangehensweise nicht angemessen erscheint» (S. 5).

Schon in diesem lediglich eine Seite umfassenden, aber entgegen seiner Kürze umso gewitzteren Prolog zeigt sich die Metapoetizität des gesamten Werkes. Denn natürlich erwarten wir als Lesende eines mit «Roman» benannten Buches keine akademische Abhandlung und die in der Wissenschaft üblichen Quellenverweise würden unseren Lesefluss eher massiv stören. Genauso wenig erwarten wir einen faktualen Tatsachenbericht, wenn das Wörtchen «Roman» auf dem Buchcover steht. In dem provokanten Kommentar zu den Hintergründen des Textes beschreibt die Autorin vielmehr mit einem Augenzwinkern, wie literarisches, kreatives Schreiben ganz allgemein funktioniert: «So musste sich erst alles im Kopf der Erzählerin zu einem großen Ganzen vermischen, bevor sie dann, mit viel Feingefühl und ganz auf sich allein gestellt, ein klares Bild zu der Lage spann.» (S. 5)

So erleben wir in Die Krone der Schöpfung also in erster Linie den Alltag der Erzählerin während des ersten Lockdowns. Als wären die grotesken Erlebnisse der Erzählerin zwischen «dem Mann» und «dem Liebhaber», «den Kindern» und «den Nachbarn» in jenem brandenburgischen Dorf, so voller Ungewissheit ob einer möglichen Infektion mit dem gefährlichen Virus, für sich nicht schon unterhaltsam genug, so werden die kurzen Kapitel regelmäßig von Passagen zur jeweils aktuellen gesellschaftlichen und politischen Lage unterbrochen. Dabei handelt es sich sowohl um interessante Fakten rund um das Coronavirus als auch um satirische Kommentare zur gesellschaftspolitischen Situation.

Außerdem ist die Erzählerin – ebenso wie ihre Verfasserin – von Beruf Drehbuchautorin. So hat sie es sich in den Kopf gesetzt, eine Zombieserie zu schreiben, denn damit ließe sich jetzt, wo alle wegen des Lockdowns sowieso nur vor ihren Bildschirmen sitzen, sicherlich viel Geld machen. Unter der Titelreihe «Honka, Bar des Vergessens» wohnen wir also hautnah der Entstehung jener Trashserie bei, die es geradezu meisterhaft schafft, sämtliche Klischees des Zombiefilms wahllos zusammengewürfelt in einer Handlung zu komprimieren, die bescheuerter kaum sein könnte. Neben der offensichtlichen Kritik an den jüngsten Tendenzen der Unterhaltungsbranche karikiert «Honka, Bar des Vergessens» auf völlig überzogene Weise die Geschehnisse während einer Viruspandemie und das groteske Verhalten der Menschen, die im Angesicht der unsichtbaren Bedrohung jeden Verstand hinter sich zu lassen scheinen.

Von Viren, Zombies und dem ganz alltäglichen Wahnsinn

Cover-Vorderseite von Lola Randl: Die Krone der Schöpfung
Lola Randl: Die Krone der Schöpfung (Vorderseite)

Die Krone der Schöpfung ist ein ungewöhnliches Buch. Der Stil, so eigenwillig er sein mag, fließt wie ein malerischer Fluss über die Seiten, erfasst in seinen wahllosen Biegungen und Stromschnellen gleichermaßen Fakt und Fiktion, Subjektivität und Beschreibung, Wunsch und Furcht, Alltag und Absurdität, und vereint all diese Elemente schließlich zu einem reißenden Strom, dem sich nichts und niemand zu entziehen vermag.

Keine der Figuren in Die Krone der Schöpfung hat einen Namen. Stattdessen werden sie alle mit ihrer Funktion bezeichnet. Bei der Erzählerin, dem Mann, dem Liebhaber, der Talkmasterin, und dem Redakteur etwa handelt es sich um genauso einzigartige wie austauschbare Charaktere. Die fehlenden Namen machen sie einerseits zu anonymen Silhouetten, in denen wir uns als Lesende selbst wiederfinden, und andererseits zu Stereotypen, von denen wir uns mit jeder Faser abgrenzen wollen, da sie unsere voyeuristisch-lästerische Ader ansprechen. Im Angesicht des Präsidenten oder des Mega-Virologen dagegen ist uns trotz der fehlenden Namen sofort klar, welche real existierenden Personen wir uns hier vorstellen dürfen. In ihrer unverkennbaren Art, als würde sie gerade über die belanglosesten Dinge plaudern, schafft Lola Randl in Die Krone der Schöpfung so eine strukturelle Kontinuität, die all die unterschiedlichen Passagen und Inhalte, all die Authentizität und die Absurdität zu einem großen Ganzen verschmelzen lässt.

Cover-Rückseite von Lola Randl: Die Krone der Schöpfung
Lola Randl: Die Krone der Schöpfung (Rückseite)

Wenn man auch nur halbwegs angemessen über Die Krone der Schöpfung sprechen möchte, kommt man außerdem nicht umhin, ein paar Worte zu diesem wundervoll komponierten Titel zu verlieren. «Die Krone der Schöpfung» – ist damit der Mensch gemeint? Das liebevoll gestaltete Cover, das im Vordergrund zwei nackte Menschen in inniger Umarmung an einem malerischen Ufer neben einer Schlange zeigt, erinnert zweifelsfrei an jene biblische Schöpfungsgeschichte. Andererseits korrumpiert das Bild diese Interpretation in sich, denn nicht nur sind die beiden Figuren offensichtlich gerade im «sündigen Akt» begriffen, sondern auch ist «Evas» einzige Bekleidung ein Köcher voller Pfeile, von denen einer in «Adams» Rücken steckt. Im Hintergrund lauern unterdessen Zombies in einem See, noch weiter hinten verdecken die Rauchschwaden eines brennenden Wohnhauses den Mond. Wie eine Fortsetzung der dargestellten Situation wirkt dazu die Rückseite, die an der Uferstelle nurmehr einen großen Blutfleck zeigt, während die weibliche Figur inmitten zahlreicher Zombies zu baden scheint.

Eine nicht weniger plausible Interpretation ist natürlich «Corona», das lateinische Wort für «Krone». Ist also jenes Virus die «Krone der Schöpfung» und droht, uns alle zu unterjochen? Die Fledermaus, die prominent in den Vordergrund des Bildes baumelt, unterstreicht jene poetische Doppelbedeutung des Titels mit Blick auf das Virus mit den kronenartigen Zacken.

Ähnlich konfus, wie schon Titel und Cover auf uns wirken, stellt sich schließlich der gesamte Roman heraus. Manch eine*r mag sich in diesem Sammelsurium aus wissenschaftlichen Fakten, metapoetischen Anspielungen, unnützem Wissen und mehr oder weniger verhüllter Gesellschaftssatire verlieren. Und doch ist es jene Absurdität, die all die Unsicherheit und Verwirrung, das Furchterregende dieser neuen Bedrohung und den Alltag, der auch während der Pandemie und des Lockdowns ja doch irgendwie weitergehen musste, so hervorragend widerspiegelt.

Für Lola Randls Die Krone der Schöpfung kann ich nur eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen. Ich habe die Lektüre dieses ungewöhnlichen und unerwarteten Romans auf allen Ebenen genossen.

Wer sich selbst ein Bild dieses wunderbaren Romans machen möchte, sei herzlich dazu eingeladen, einen Blick in die Leseprobe zu werfen!

Kurz & Bündig

PositivNegativ
SchreibstilLocker & flüssig ★
SpannungSpannungsverhältnis zwischen Realismus, Satire und Groteske ★
CharaktereStereotypisch & humorvoll überzogen ★
SettingPlakativ, aber authentisch ★
HandlungRealistisch, parodistisch, konfus ★

Bewertung: ★ ★ ★ ★ ★

Mein Rezensionsexemplar von Lola Randls Die Krone der Schöpfung habe ich im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks erhalten. Ich bedanke mich herzlichst sowohl für die spannende Leserunde als auch für die unterhaltsame Lektüre!


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