Das Buch "Creszentia" von Alexander Lorenz Golling neben einer weißen Katze, die mit aufgerissenen grünen Augen in die Kamera starrt.

[Rezension] “Creszentia” von Alexander Lorenz Golling

Titel:Creszentia: 11 Schauergeschichten
Autor:Alexander Lorenz Golling
Veröffentlichung:Mai 2020
Verlag:TWENTYSIX (Selfpublishing)

Klappentext | Creszentia

In dieser Kurzgeschichtensammlung geht es um Unheimliches und Übernatürliches aus dem Donaumoos und dem Städtedreieck Ingolstadt-Augsburg-Neuburg. Es handelt sich um spannende Gruselgeschichten, die sich stilistisch an Klassikern wie Poe, Blackwood, King oder M.R. James orientieren, aber größtenteils in der Gegenwart spielen und teilweise auf tatsächlich vorhandenen regionalen Legenden basieren.

11 mal Grusel mit einer Prise Heimat

Wir lebten damals in einer kleinen Mansardenwohnung im tristen Augsburger Vorort Lechhausen.

Creszentia, S. 14

Was für einen freudigen Satz mein Herz bei diesem Satz machte, der die erste der elf unter dem Titel Creszentia versammelten Kurzgeschichten einleitet. Ich selbst bin in Augsburg geboren und sogar in einem angrenzenden Stadtteil aufgewachsen, weswegen diese erste Geschichte schon von vornherein mein besonderes Interesse geweckt hat.

Mit 42 Seiten ist «Adele mit den großen Augen» (01) die längste Kurzgeschichte des Bandes. Diese Länge bekommt man zu Beginn auch erst einmal zu spüren. Der Autor nimmt sich sehr viel Zeit für den Charakteraufbau des jungen Protagonisten Tommy und seiner geheimnisvollen Freundin Adele. Dies sowie die seitenweise Beschreibung des kindlichen Alltags ließen mich für einen Augenblick befürchten, dass sich die Erzählung in ihren Längen verlieren würde. Doch dann, relativ mittig, kam dieser eine Satz, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ, der mir zum ersten Mal eine stumme Gänsehaut bescherte. Ab diesem Moment nimmt die Geschichte enorm an Fahrt auf und schafft es, eine beinahe greifbare Spannung zu generieren. Nach einem Einstieg, von dem ich zunächst nicht so recht wusste, was ich davon halten sollte, hat mich diese erste Schauergeschichte letztendlich richtig gepackt.

Die zweite von Alexander Lorenz Gollings Kurzgeschichten spielt im Urdonautal, genauer in einer fiktiven, mittelalterlichen Klosterruine, um die sich dunkle Sagen ranken. Der Protagonist Meiniger ist das Stereotyp eines geschiedenen Mannes mittleren Alters. Motiviert von seinem Interesse für Zeitgeschichte und Archäologie verbringt er ein Wochenende in einem abgelegenen Landhotel, um den Stress des Alltags abzuschütteln. Von seiner Wanderung zu jener mittelalterlichen, inzwischen verfallenen Abtei wird er allerdings nicht mehr zurückkehren… Im Gegensatz zur vorherigen Erzählung ist «Das letzte Fresko» (02) mit nur 15 Seiten kurz und knackig. Obgleich ich ein paar Mal über die exzessive Nutzung des Wörtchens «jetzt» stolperte, gelingt es dem Autor, die Atmosphäre dieser Landschaft und der historischen Ruine auf den wenigen Seiten einzufangen. Einzig die «plötzliche» Ruhe und den Stimmungsumschwung des Protagonisten ganz am Ende konnte ich nicht so recht nachvollziehen. Die Vorhersehbarkeit allerdings sowie die spärlichen Details nahmen der Geschichte einen großen Teil ihres angelegten Gruselpotentials.

Das «Klassentreffen» (03) spielt wieder in Augsburg und besticht durch seine surrealen Elemente. Der Protagonist Marc Leiber erhält eine Einladung für ein Klassentreffen an seiner alten Schule. Doch dort entpuppt sich nichts als das, was es scheint… Die dritte Kurzgeschichte in Creszentia mag auf den ersten Blick einen etwas wirren Eindruck machen, was jedoch in meinen Augen von einem stilistisch geschickten und fließenden Übergang vom Realen ins Übernatürliche zeugt. Im Stil einer Poe’schen Groteske rückt der Protagonist in «Klassentreffen» mit jedem Schritt weiter in ein albtraumhaftes Delirium, das seine tiefsten Ängste wahr werden lässt.

«Lethargie des Nachmittags» (04) hebt sich etwas von den vorherigen Erzählungen ab, da diese Geschichte nicht wirklich als «schaurig» bezeichnet werden kann. Der Protagonist der «Lethargie des Nachmittags» erlebt ein übernatürliches und sicherlich auch furchteinflößendes Phänomen, als ihn auf subtile Weise ein verzweifelter Ruf nach Hilfe erreicht. Trotz des Ekelfaktors einzelner Beschreibungen ließ mich diese vierte Kurzgeschichte mit einem zufriedenen Bauchgefühl zurück. Die Erzählung ist traurig, aber auf eine gewisse, melancholische Weise auch irgendwie schön.

«Irrlicht» (05) ist in meinen Augen das große Highlight von Creszentia. Die Erzählung hat nicht nur den bislang ersten Protagonisten ohne Alkoholproblem und Nikotinsucht, sondern bietet auch die ein oder andere unerwartete Wendung. Alle Vermutungen, die man zu Beginn so anstellen kann, werden im letzten Drittel über den Haufen geworfen, wobei der Kurzgeschichte eine durchaus humorvolle Note verliehen wird. Wie im Vorwort angekündigt, wird dem oberflächlichen und narzistischen Charakter eine gehörige Lektion zuteil, die er sicherlich nie mehr vergessen wird. «Irrlicht» beweist einmal mehr, dass eine richtige Gruselgeschichte keine Leichen oder angsteinflößende Monster braucht, um ihren Lesenden einen Schauer über den Rücken zu schicken.

«Die Wächter von Veruda» (06) ist dagegen eine Reminiszenz an die griechisch-römische Mythologie, eingebettet in ein idyllisches Bild des zeitgenössischen Kroatiens. Auf einer winzigen Insel vor der Küste Istriens erwacht eine alte Legende zum Leben – was der Protagonist am eigenen Leibe erfahren muss. Auch diese Erzählung bietet mit ihrem etwas aus dem Rahmen der restlichen Kurzgeschichten fallenden Setting der Mittelmeerküste ein genüssliches Leseerlebnis, obgleich ich immer wieder darüber schmunzle, wie leicht Männer doch zu manipulieren sind…

«Schneetreiben» (07) versteht es, von Anfang an eine unheimliche Spannung aufzubauen. Wenngleich man im Angesicht der sehr von sich überzeugten Geisterjäger zunächst doch immer wieder schmunzeln muss, so wird diese erheiternde Atmosphäre nach und nach von einer düsteren Ahnung abgelöst. Der Protagonist begibt sich mit einigen durchaus skurril anmutenden «Kollegen» auf die Spuren eines tragischen Unglücks, das sich im 18. Jahrhundert an jenem Ort im Donaumoos ereignete. Dem Protagonisten wird seine erste, richtige Begegnung mit dem Übernatürlichen versprochen. Als die Nacht schließlich voranschreitet, werden so einige seiner Überzeugungen auf die Probe gestellt.

«Blick in den Abgrund» (08) sticht aus den anderen Erzählungen in Creszentia durch einen verhältnismäßig starken Charakteraufbau hervor. Hier stehen zwei Figuren im Mittelpunkt, denen ein neugieriger Blick in die Tiefen eines Abgrunds letztendlich zum Verhängnis wird. Dieser Blick ist dabei sowohl wörtlich als auch metaphorisch zu verstehen. Denn es handelt sich um einen Blick in die tiefsten Abgründe der eigenen Seele. Obgleich ich beim Lesen zunächst über die klischeehafte Assoziierung von Pädophilie und Kinderschänder beziehungsweise -mörder stolperte, entwickelte die Geschichte mit der Zeit eine ungeahnte Tiefe – nicht nur im wörtlichen Sinne.

Die relativ kurze Geschichte «Ab-teilungen» (09) strotzt nur so vor schwarzem Humor und brachte mich unwillkürlich zum Lachen. Die Handlung ist zwar nichts Besonderes, denn es geht um eine leider allzu gewöhnliche Kürzung von Arbeitsplätzen in einem mittelständischen Unternehmen. Was jedoch dem ebenfalls relativ blassen Protagonisten widerfährt, löste in mir in erster Linie Gefühlswogen der Genugtuung aus. In diesem Sinne ist es auch nicht weiter schlimm, dass man sich als Lesende kaum mit dem egozentrischen Adrian Ehrwald zu identifizieren vermag, sondern stattdessen die Rolle unbeteiligter Beobachter einnimmt.

Bei der wiederum sehr langen titelgebenden Erzählung «Creszentia» (10) handelt es sich zweifelsfrei um einen Höhepunkt des Bandes. In der Form einer Reihe von Briefen an seine Verlobte erfahren wir, was der Hilfskoch Johannes Zirnhauser im Herbst 1891 als Angestellter auf dem Schloss eines Barons am Rande des Donaumooses erlebte. Der Autor bemühte sich an dieser Stelle sichtlich um einen veralteten Sprachstil, was er über weite Strecken auch auf authentische Weise vermittelt. Auch, wenn der spontane Wechsel des Barons zwischen depressiver Trauer und Enthusiasmus mich etwas vor den Kopf stieß, so kam ich doch nicht umhin, mit ihm und den Geschehnissen auf seinem Schloss mitzufiebern.

Als typische Schauergeschichte, die mehrere kanonische Elemente miteinander vereint, bildet «Andreasnacht» (11) den Abschluss von Creszentia. Wie Alexander Lorenz Golling in seinem Vorwort selbst anmerkt, finden wir in «Andreasnacht» ein einsames Landhotel mitten auf der Schwäbischen Alb, eine beeindruckende und geschichtsträchtige Steinformation in einer mystifizierten Umgebung und eine regionale Sage. Dabei hat die Handlung allerdings wenig mit der volkstümlichen Losnacht zu tun. Obgleich die Geschichte einen etwas zusammengewürfelten Eindruck macht, bildet sie doch einen schaurigen Abschluss des Geschichtenbandes.

Schauerliteratur wie sie im Buche steht

Buchcover: "Creszentia" von Alexander Lorenz Golling

Alexander Lorenz Gollings Schreibstil zeichnet eine Distanziertheit aus, welche die Lesenden stets in die Rolle der unbeteiligten Zuschauenden versetzt. Wenn es mitunter auch schwer fällt, sich mit den durchweg stereotypischen Männerfiguren mittleren Alters zu identifizieren, so ist dies in Creszentias Kurzgeschichten kein großartiger Nachteil. Denn der nüchterne, zumeist personale Erzählstil baut zugleich eine gewisse Vertrautheit zu seinen heimlichen Voyeuren auf, die diese hautnah mit den ungeheuerlichen Schicksalen der Protagonisten konfrontiert.

Creszentia bietet eine Reihe schauriger Kurzgeschichten, wie sie im Lehrbuche stehen. Die Analogien und stilistischen Schulterschlüsse mit den großen Klassikern des Genres treten immer wieder deutlich hervor. Dabei ist es dem Autor jedoch gelungen, seinen Erzählungen eine individuelle und unverkennbare Note zu verleihen. Daneben punktet Creszentia ganz klar durch den Heimatbonus. Zum Großteil im Raum Neuburg an der Donau bis Augsburg angesiedelt, genieße ich es als Lesende, meine Heimat in den Geschichten wiederzuerkennen.

PS: Die Geschichten in Creszentia eignen sich ganz hervorragend dazu, um sie einander in düsteren Herbst- und Winternächten gegenseitig vorzulesen…

Kurz & Bündig

PositivNegativ
SchreibstilReminiszenz an die alten Meister der Schauerliteratur ★Vereinzelte stilistische Ungereimtheiten ☆
SpannungImmer wieder von neuem aufbauend ★
CharaktereIndividuelle Charakterzüge ★Stereotypisch & durchweg männlich ☆
SettingDüster & heimatverbunden ★
HandlungHäufig auf alten/regionalen Legenden beruhend ★Mitunter recht flach ☆

Bewertung: ★ ★ ★ ★ ☆

Mein Exemplar von Creszentia habe ich im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks erhalten. Ich bedanke mich herzlich beim Autor Alexander Lorenz Golling für die Zusendung des Rezensionsexemplars.


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